Straßen von Minneapolis

Was über die faschistischen Ausschreitungen und Morde auf den Straßen von Minneapolis im Winter 2026 zu sehen und zu hören war, ist tragischerweise wahr. Was sich dort abspielt, ist ein kollektives Trauma, physisch ebenso wie moralisch. Gegen gewaltlose Zivilist:innen wurde Terror ausgeübt, nicht nur durch tödliche Gewalt, sondern auch durch die vorsätzliche Zertrümmerung der gemeinsamen Realität. Die Bevölkerung von Minneapolis hat mit spontanen Widerstandsaktionen auf das reagiert, was sie als straffreies Morden durch die Bundespolizeibehörden erleben. Ihre Aktionen sind ein Versuch, Leben und Sinn zu bewahren sowie somalische Einwanderer:innen und andere schutzbedürftige Gemeinschaften vor der Inhaftierung oder Abschiebung ohne strafrechtlichen Grund durch die US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) zu schützen. Beide unterstehen dem Ministerium für Innere Sicherheit (Department for Homeland Security).

Von Bürger:innen mit Smartphones aufgenommene Videos dokumentierten die Tötungen von Renée Good und Alex Pretti. Diese Aufnahmen fungieren als Zeugnisse im psychoanalytischen Sinne: als Versuche, überwältigende Erfahrungen in eine wahrnehmbare Form zu überführen. Diese Umwandlung ermöglicht es, psychologische Prozesse zu denken, zu fühlen und zu teilen. Die nahezu sofortige Reaktion der Trump-Regierung – die Veröffentlichung von falschen, widersprüchlichen und moralisch perversen Darstellungen, in denen den Opfern selbst die Schuld gegeben wurde – stellte jedoch ein zweites Trauma dar. Mit diesem Trick wurde nicht nur die Verantwortung geleugnet; auch die Fähigkeit der Öffentlichkeit, zu wissen, was sie weiß, wurde angegriffen. Die implizite Botschaft lautet: „Wem glaubt ihr? Uns, die wir euch beschützen, oder euren eigenen Augen?“

Solche Angriffe auf die Realität sind nicht episodisch – sie häufen sich. Sie wirken wie fortwährende Salven, die darauf abzielen, die amerikanische Psyche zu überwältigen und sie mit unbearbeiteter emotionaler Heuchelei und Trümmern zu stopfen. Ein solipsistischer Präsident und sein innerer Kreis scheinen von Allmacht, Gier und Grausamkeit getrieben zu sein; sie treten weniger als Leitfiguren auf, sondern stiften psychische Verwirrung. In diesem Sinne regiert autoritäre Macht nicht nur Körper, sondern kolonisiert auch das Innenleben.

Der Begriff „Widerstand“ hat in verschiedenen Disziplinen unterschiedliche Bedeutungen. Im allgemeinsten Sinne bedeutet er Widerstand gegen Gewalt, Eindringen oder Beherrschung. In der Materialwissenschaft bezieht sich Widerstand auf eine vorhersehbare physikalische Eigenschaft; in der Medizin beschreibt er die Fähigkeit des Körpers, Infektionen zu bekämpfen. In der klassischen Psychoanalyse bezeichnet Widerstand unbewusste Prozesse, die die Bewusstwerdung des Unbewussten behindern. In der zeitgenössischen Psychoanalyse wird Widerstand als bedeutsame Kommunikation und Bewältigungsstrategie verstanden, als Ausdruck der Ängste der Patient:innen vor Veränderung, Sicherheit und Beziehungsbrüchen. Im politischen Bereich nimmt Widerstand oft die Form kollektiven Ungehorsams als Reaktion auf autoritäre oder totalitäre Macht an. Hier dient er dazu, unter Bedingungen von Zwang oder Zerstörung moralische Kontinuität zu bewahren. In kulturellen Ausdrucksformen funktioniert Widerstand als Erinnerungsarbeit: als eine Weigerung, Gewalt, Auslöschung oder Lügen unkommentiert zu lassen. Kunst wird zu einem Mittel des Zusammenhalts, wenn Institutionen darin versagen. Dabei kann sie die Form eines Filmes, eines Gemäldes, eines Theaterstücks, eines Gedichtes, einer Symphonie oder eines Liedes annehmen.

Für diese psychisch-politische Wunde liefert die Geschichte ernüchternde Beispiele. Am 4. November 1956 rollten mit erdrückender Gewalt sowjetische Panzer in Budapest ein, schlugen die ungarische Revolution nieder und erstickten einen demokratischen Aufstand, der tausende Menschenleben kostete. Am nächsten Tag schrieb Albert Camus: „Es gibt in dieser Welt, parallel zu den Kräften des Todes und der Unterwerfung, eine enorme Kraft der Überzeugung. Sie heißt Kultur.“ Camus plädierte für eine maßvolle, ethische Rebellion, die auf moralischen Grenzen basiert. Seine Behauptung, dass zwei und zwei vier ergibt, stellt eine Art moralisches Minimum dar: die unterste Grenze, jenseits derer die Wahrheit selbst zusammenbricht. George Orwell hat diese Idee literarisch am eindringlichsten formuliert, in seinem Roman 1984, in dem die Auslöschung dieser simplen Wahrheit die endgültige Kapitulation der Psyche signalisiert. „Wenn das verschwindet“, betont Orwells Figur, „bleibt nichts mehr übrig.“ In ähnlicher Weise formulierte der Dramatiker und Dissident Václav Havel das Konzept des „Lebens in der Wahrheit“ als Grundlage des Widerstands des tschechischen Volkes, der 1989 in der Samtenen Revolution gipfelte. Für Havel bestand Widerstand oft aus kleinen, alltäglichen Handlungen der Ehrlichkeit, die auch dann ausgeführt wurden, wenn keine unmittelbare Veränderung möglich schien.

Kultur und Kunst fungieren somit als parallele Institution der Wahrheitsfindung, wenn der offizielle Diskurs korrumpiert oder missbraucht wird. Seit Jahrhunderten legen Künstler:innen – direkt und indirekt – Zeugnis von Ungerechtigkeiten ab. Im amerikanischen Kontext stehen Persönlichkeiten wie Paul Robeson, Bob Dylan und Joan Baez beispielhaft für diese Tradition des künstlerischen Widerstandes. Für den Verfasser dieses Artikels ist jedoch der griechische Komponist Mikis Theodorakis ein besonders eindrucksvolles Beispiel – nicht nur als Schöpfer großartiger Melodien, sondern auch als moralische und kulturelle Kraft. Sein Werk hat Griech:innen, die weltweite griechische Diaspora und unzählige andere Menschen, die sich nach persönlicher und politischer Befreiung sehnen, inspiriert.

Jahrzehntelang war Theodorakis eine unermüdliche Stimme gegen kulturelle und politische Unterdrückung. In Zusammenarbeit mit Dichter:innen aus dem gesamten ideologischen Spektrum setzte er sich für eine ethische Haltung ein, die auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde beruhte. Seine Biografin Gail Holst-Warhaft bemerkt dazu: „Als politische Persönlichkeit im modernen Griechenland verkörperte Theodorakis den Geist des Widerstandes gegen den Missbrauch von Macht, von der Besetzung seines Landes durch die Nazis und dem darauf folgenden Bürgerkrieg bis hin zur Militärdiktatur von 1967 bis 1974.“ Am bemerkenswertesten war vielleicht seine Fähigkeit, unter Bedingungen extremer Verzweiflung – während wiederholter Inhaftierungen und brutaler Folter aufgrund seiner politischen Überzeugungen – Musik und Gedichte zu schaffen. Sein Leben und Werk zeugen vom unbeugsamen Geist des Künstlers, der sich der politischen Unterdrückung entgegenstellt. Nur wenige zweifelten an seiner trotzigen Erklärung im Exil: „Eure Panzer werden rosten. Unsere Lieder werden Bestand haben.“ Tatsächlich stehen die Panzer der Junta heute auf Schrottplätzen, während seine Lieder als Hymnen des Widerstands, der Trauer und des Überlebens überdauern.

Am 28. Jänner 2026 veröffentlichte der gefeierte Rockmusiker und Aktivist Bruce Springsteen ein eindrucksvolles Musikvideo mit dem Titel „Streets of Minneapolis”. Der Song bleibt standhaft der Wahrheit und dem Widerstand verpflichtet, gleichermaßen bezeugend wie betrauernd. Anstatt Gewalt zu erklären oder zu rationalisieren, hilft er dabei, überwältigende Trauer und Brutalität zu verarbeiten.

Der Songtext und die Bilder benennen und beschreiben, was während dieses grausamen Jänners in Minneapolis geschah. Wie lange ein solches Werk in einem Klima voller Terror und Desinformation Bestand haben kann, ist schwer zu sagen. Doch für viele, die dieses Protest-Musikvideo gesehen haben, bietet es einen zarten, aber wichtigen Funken Hoffnung und einen Fingerzeig dafür, dass selbst der dunkelste Winter nicht ewig dauern muss.

Spyros D. Orfanos, PhD, ABPP, ist Direktor des New York University (NYU), Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis. Er ist Fellow der American Psychological Association (APA) und ehemaliger Präsident der Society of Psychoanalysis and Psychoanalytic Psychology (SPPP) der APA sowie der International Association of Relational Psychoanalysis and Psychotherapy. Er ist Mitglied im Beirat des Sigmund Freud Museums in Wien. 2016 war er gemeinsam mit Eliot Jurist Mitherausgeber der Sonderbeilage von Psychoanalytic Psychology (APA) zum Thema "Psychoanalysis and the Humanities". 2017 gründete er die NYU Human Rights Work Group. Im Jahr 2023 erhielt er den SPPS Award for International Activism for Social Justice. Er praktiziert Psychoanalyse und Psychotherapie und leitet Kreativitätsstudiengruppen.

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