Widerstand
Die Programmierung des Sigmund Freud Museums orientiert sich an jährlichen Themenschwerpunkten, die von einem Leitgedanken geprägt sind: „Frei sprechen“ bestimmt unsere Museumsarbeit in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist die Konzeption museumsrelevanter Aktivitäten darauf gerichtet, den respektvollen Dialog und eine offene Auseinandersetzung unterschiedlicher Standpunkte zu fördern. Zum anderen gilt es, psychoanalytische Erkenntnisse im Hinblick auf ihre Relevanz für gegenwärtige Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur zu untersuchen.
Auch das Jahresthema 2026 wird diesen Aspekten Rechnung tragen, aktuelle soziopolitische Entwicklungen in den Fokus nehmen und durch die Linse der Psychoanalyse beleuchten. Da unserer Grundrechte zusehends gefährdet scheinen und das Recht auf freie Meinungsäußerung zunehmend zum Spielball autoritärer Mächte verkommt, lautet unsere Antwort auf alle Tendenzen zur Absicherung oder gar dem Ausbau diktatorischer Systeme: WIDERSTAND!
WIDERSTAND – der in der Psychoanalyse wesentliche Begriff kennzeichnet eine psychische Vermeidungstaktik, die sich gegen die Bewusstwerdung verdrängter Inhalte richtet – ist der Arbeit hier am Ursprungsort der Psychoanalyse schon aufgrund seiner klinischen Bedeutung a priori eingeschrieben. Zudem kann die psychoanalytische Betrachtungsweise helfen, Hinweise auf die Funktion von WIDERSTAND in der Gesellschaft zu geben – über individuelle Erfahrungsbereiche hinaus. Aktuell verleihen Krieg und Zerstörung, Rezessionen, Klimawandel und Naturkatastrophen auch dem Faktor der „Resilienz“ zunehmend Gewicht. Seit den 1950er Jahren Thema zahlreicher psychologischer Studien, wird die WIDERSTANDSFÄHIGKEIT von Einzelnen wie von Gruppen mehr denn je zur gefragten Eigenschaft. Die Frage nach der Verhaltensbereitschaft sich zu widersetzen oder auch zu widerstehen, wird in der Psychoanalyse, der Psychologie und der Soziologie zum Diskussionsgegenstand erhoben. Denken wir nur an die destruktiven Kräfte, die angesichts der Gefährdung von Minderheiten, Frauen und Jugendlichen unsere westlichen Zivilisationen zunehmend spalten, obwohl diese Gesellschaftsordnung seit Ende des Zweiten Weltkriegs von jahrzehntelangem Frieden und wirtschaftlichen Höhenflügen profitierte. In solchen Zeiten wird auch demokratisch formierter Widerstand zur Rarität: Akte der Solidarität finden meist nur dann statt, wenn die eigene Existenz mit dem Niedergang anderer eng verknüpft und gefährdet ist. Die Erkenntnis, dass bedrohliche Zustände in einer globalisierten Welt ihre verheerende Wirkung weltweit entfalten und sich kaum jemand in Sicherheit wähnen kann, dringt nur zögerlich in unser kollektives Bewusstsein.
Dieser Umstand lässt auch den maßgeblichen Unterschied zwischen dem psychoanalytischen WIDERSTAND und den anderen Deutungsmöglichkeiten des Begriffes erkennen – ersterer ist unserem Bewusstsein entzogen, wohingegen der gesellschaftliche WIDERSTAND nur bewusst gegen soziale Ungerechtigkeiten und Diskriminierung zum Einsatz gebracht werden kann – ob durch zivilgesellschaftliches Engagement oder in künstlerischen Diskursen, Produktionen und Aktionen. Dasselbe gilt für den politischen WIDERSTAND, der sich gegen autoritäre Machtverhältnisse und antidemokratische Tendenzen richtet und dabei nach wie vor ein zentrales Mittel im Kampf um Menschenrecht und -würde darstellt. Eine zentrale Idee aber bleibt bei allen Formen des WIDERSTANDS bestehen: er bedeutet immer Auflehnung gegen einen als bedrohlich und destruktiv empfundenen Zustand.
Daher nähern sich unsere Beiratsmitglieder dem Jahresthema 2026 aus psychoanalytischer, gesellschaftlicher und politischer Perspektive mit kritischen Textbeiträge und ausgesuchten Bildern, die Sie hier auf unserer Website in der Online-Ausstellung WIDERSTAND vorfinden. Für diese interessante und fruchtvolle Zusammenarbeit danke ich sehr herzlich:
Rubén Gallo (Princeton University)
Herman Westerink (Radboud University Nijmegen)
Jeanne Wolff Bernstein (Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse)
Lisa Appignanesi (King's College London)
Oleksandr Filts (Unbroken University)
Gohar Homayounpour (Freudian Group of Tehran)
Victor Mazin (East-European Institute of Psychoanalysis St. Petersburg)
Spyros D. Orfanos (New York University).
Monika Pessler
Direktorin
Sigmund Freud Museum