Eine Person zeigt ein Blatt Papier mit dem Wort NO!

Widerstand

Widerstand ist ein zentraler und grundlegender Bestandteil von Sigmund Freuds Denken. Im Laufe der Zeit verändert und entwickelt sich dieses Konzept weiter und gewinnt  an Mehrdeutigkeit. Ausgehend von den frühen Hysterikerinnen, bei denen es sich als Widerstand gegen Hypnose und gegen das Aussprechen verdrängter Erinnerungen manifestiert, wird es zum Widerstand der Patient:innen gegen die Autorität des Analytikers und den Analyseprozess selbst – ganz zu schweigen vom Widerstand der Öffentlichkeit gegen die Psychoanalyse und den „Schlag“, den sie dem Primat der Vernunft versetzt. Schließlich taucht Widerstand auch als einer der Abwehrmechanismen des Ichs auf und schlussendlich als Widerstand des Unbewussten selbst.

Kaum habe ich dies geschrieben, denke ich an meine Kinder und nun auch Enkelkinder, an ihren (unbewussten) Widerstand als Babys, Kleinkinder und Jugendliche. Diesen könnte man als „automatischen“ Widerstand bezeichnen: gegen den Willen und die Wünsche der Eltern.

Diese Verankerung des menschlichen Widerstandes gibt mir Hoffnung, insbesondere in Zeiten, in denen sich Autoritäten mehr Bedeutung beimessen, als ihnen zusteht, und eklatante Missbräuche politischer, wirtschaftlicher und digitaler Macht allgegenwärtig sind.

Unsere Hoffnung liegt im menschlichen Widerstand.

Lisa Appignanesi OBE (britischer Verdienstorden) ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, Romanautorin und Kulturkommentatorin. Sie war Präsidentin des English PEN, Vorsitzende des Freud Museum London und bis 2020 Vorsitzende der Royal Society of Literature, deren Vizepräsidentin sie jetzt ist. Außerdem ist sie Gastprofessorin am King's College London, kuratierte 2024–25 die Ausstellung „Women & Freud: Patients, Pioneers, Artists” im Freud Museum London und gab einen Katalog zur Ausstellung heraus. Zu ihren nichtfiktionalen Publikationen gehören u.a. Everyday Madness: On Grief, Anger, Loss and Love (2018), Trials of Passion: Crimes in the Name of Love and Madness (2014), All About Love: Anatomy of an Unruly Emotion (2011), das preisgekrönte Mad Bad and Sad: A History of Women and the Mind Doctors from 1800 (2008); Freud's Women (1992/2005, mit John Forrester) und ein biografisches Porträt von Simone de Beauvoir (2005). Sie ist außerdem Autorin der von der Kritik gelobten Familienerinnerungen Losing the Dead (1999) und von neun Romanen, darunter The Memory Man (2004, ausgezeichnet mit dem Holocaust Fiction Prize) und Paris Requiem (2001/2014). Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter John Forresters Freud and Psychoanalysis. Ihre Artikel sind in The Guardian, The Sunday Times und The New York Review of Books erschienen.

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