Zeichnung einer Frau in Uniform vor einer Trikolore

Widerstand kann dem Widerstand nicht widerstehen

In seinem Bestreben, sich von der Behandlung mittels Hypnose zu distanzieren, stieß Freud auf eine Kraft, die sich immer dann bemerkbar machte, wenn er versuchte, einer pathogenen Idee auf die Spur zu kommen. In den Studien über Hysterie (1895) schreibt Freud mit großer Begeisterung, dass sich ihm die Deutung aufdrängte, er „hätte einen Widerstand zu überwinden“: „[S]o setzte sich mir der Sachverhalt ohneweiters in die Theorie um, daß ich durch meine psychische Arbeit eine psychische Kraft bei dem Patienten zu überwinden habe, die sich dem Bewußtwerden (Erinnern) der pathogenen Vorstellungen widersetze. Ein neues Verständnis schien sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, dies dürfte wohl dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Entstehung des hysterischen Symptoms mitgewirkt und damals das Bewußtwerden der pathogenen Vorstellung verhindert habe. Was für Kraft war da wohl als wirksam anzunehmen und welches Motiv konnte sie zur Wirkung gebracht haben? […] [I]hre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden. Doch mußte diese Spur vorhanden sein. Wenn ich mich bemühte, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, bekam ich dieselbe Kraft als Widerstand zu spüren, die sich bei der Genese des Symptoms als Abstoßung gezeigt hatte.“[1]

Die Erkenntnis, dass dieselbe psychische Kraft ein Symptom schaffen, aber sich diesem gleichzeitig auch entgegensetzen konnte, veranlasste Freud, dieser Spur nachzugehen, bis er den Kern des Widerstands gefunden hatte: die verdrängte unvereinbare oder pathogene Idee, die, sobald er sie lokalisiert hatte, das Leiden seiner Patient:innen an ihren körperlichen Symptomen linderte.

Anfänglich war Freud recht kühn und erfand die Methode, physischen Druck auf die Stirn seiner Patient:innen auszuüben: „Da bediene ich mich denn zunächst eines kleinen technischen Kunstgriffes. Ich teile dem Kranken mit, daß ich im nächsten Momente einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere ihm, daß er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als Bild vor sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, und verpflichte ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir mitzuteilen, was immer das sein möge.“[2] Mit der Zeit wurde Freud jedoch weniger körperlich und autoritär, und forderte seine Patient:innen einfach auf, alle Gedanken zu offenbaren, die ihnen in den Sinn kamen, egal wie unmoralisch oder beängstigend sie auch sein mochten. Das Aufsuchen des Widerstands als einer gewaltigen und oft geheimnisvollen Kraft blieb für Freud eine lebenslange Aufgabe. Widerstand durchzieht sein gesamtes Werk, in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen – sei es, dass er sich in der Übertragung, in Enactments oder in der negativen therapeutischen Reaktion verbarg.

Was mich immer schon fasziniert hat, ist der Umstand, dass der Begriff des Widerstands so viele verschiedene Bedeutungen in sich trägt: Für Psychoanalytiker:innen ist Widerstand in erster Linie mit einem Hindernis des analytischen Prozesses verbunden. Für Männer und Frauen hingegen, die sich während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich der Résistance angeschlossen hatten, bedeutete Widerstand den Freiheitskampf und damit ein Zeichen immensen Mutes. Wie kann das Wort Widerstand so widersprüchliche Bewegungen in sich vereinen? Eine Erklärung für dieses faszinierende Dilemma finden wir womöglich in dem bereits zitierten Text von Freud, „Zur Psychotherapie der Hysterie“, in dem er schreibt: „An das Ich des Kranken war eine Vorstellung herangetreten, die sich als unverträglich erwies, die eine Kraft der Abstoßung von seiten des Ich wachrief, deren Zweck die Abwehr dieser unverträglichen Vorstellung war. Diese Abwehr gelang tatsächlich, die betreffende Vorstellung war aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung gedrängt, ihre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden.“[3]

Wenn man an die jüngsten Massendemonstrationen in Minnesota gegen Trumps verabscheuungswürdige Einwanderungspolitik, die Verhaftung vieler unschuldiger Personen und nun sogar den Tod zweier Menschen denkt, oder an die sinnlose Tötung von fast 20.000 Menschen im Iran, die sich gegen die Regierung stellen, wird deutlich, dass Widerstandsbewegungen aus einem tiefen Gefühl der Abscheu heraus entstehen, weil eine enorme Ungerechtigkeit stattgefunden hat, der man nicht länger passiv und schweigend zusehen kann. Man muss aufstehen und „NEIN” sagen – egal welche Konsequenzen das für das eigene Leben hat. Diese zerstörerische Kraft, die im Widerstand steckt, ist, wie Adam Phillips (2025) schreibt, „Widerstand gegen Tyrannei, sowohl innerlich als auch äußerlich. […] Er wird allmählich als Schlüssel zum Überleben in einer unterdrückenden modernen Welt anerkannt”.[4] Freuds radikales Streben nach dieser mächtigen Kraft des Widerstands trug dazu bei, dass Frauen um die Jahrhundertwende schließlich von der Tyrannei ihrer sexuellen Phantasien und Ängste befreit wurden, wodurch sie stärker in den Blickpunkt rücken und sich verstärkt Gehör verschaffen konnten. 130 Jahre später stehen Frauen erneut an vorderster Front, schreien laut und kämpfen für ihre bürgerlichen Freiheiten in vielen religiösen und rechtsgerichteten Nationen, sei es im Iran, in Afghanistan oder sogar auf den Straßen von Minnesota.

 

[1] Sigmund Freud, „Zur Psychotherapie der Hysterie“, in: Ders., Josef Breuer (1895), Studien über Hysterie, in: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 252–312, S. 256f. (Hervorhebung im Original).

[2] Ebd., S. 270.

[3] Ebd., S. 269.

[4] Adam Phillips, „On Resistance", in: London Review of Books, Vol. 47, No. 14/15.

Jeanne Wolff Bernstein, Ph.D., ist ehemalige Präsidentin, Supervisorin und Analytikerin am Psychoanalytic Institute of Northern California (PINC), San Francisco. Sie ist Mitglied des Lehrkörpers des PINC, des NYU Post-Doctoral Program for Psychoanalysis and Psychotherapy und des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse in Wien. Sie ist Mitglied und Vizepräsidentin des Vorstands des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse und arbeitet derzeit als Psychoanalytikerin in Wien. Sie hat zahlreiche Artikel an den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse, bildender Kunst und Film veröffentlicht. Ihr Buch The Lure of the Gaze and the Past, Berlin, Alexander Verlag, erschien 2025. Zusammen mit Daniela Finzi ist sie Mitherausgeberin von Thoughts for the Times on Group and Masses (2025) und zusammen mit Helga Klug und Daniela Kammerer ist sie Mitherausgeberin von Neu Handeln und Denken (2024).

 

Jetzt buchen