Widerstand - Jahresthema 2026
Einleitung von Monika Pessler
Die Programmierung des Sigmund Freud Museums orientiert sich an jährlichen Themenschwerpunkten, die von einem Leitgedanken geprägt sind: „Frei sprechen“ bestimmt unsere Museumsarbeit in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist die Konzeption museumsrelevanter Aktivitäten darauf gerichtet, den respektvollen Dialog und eine offene Auseinandersetzung unterschiedlicher Standpunkte zu fördern. Zum anderen gilt es, psychoanalytische Erkenntnisse im Hinblick auf ihre Relevanz für gegenwärtige Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur zu untersuchen.
Widerstand
Widerstand ist ein zentraler und grundlegender Bestandteil von Sigmund Freuds Denken. Im Laufe der Zeit verändert und entwickelt sich dieses Konzept weiter und gewinnt an Mehrdeutigkeit. Ausgehend von den frühen Hysterikerinnen, bei denen es sich als Widerstand gegen Hypnose und gegen das Aussprechen verdrängter Erinnerungen manifestiert, wird es zum Widerstand der Patient:innen gegen die Autorität des Analytikers und den Analyseprozess selbst – ganz zu schweigen vom Widerstand der Öffentlichkeit gegen die Psychoanalyse und den „Schlag“, den sie dem Primat der Vernunft versetzt. Schließlich taucht Widerstand auch als einer der Abwehrmechanismen des Ichs auf und schlussendlich als Widerstand des Unbewussten selbst.
Kaum habe ich dies geschrieben, denke ich an meine Kinder und nun auch Enkelkinder, an ihren (unbewussten) Widerstand als Babys, Kleinkinder und Jugendliche. Diesen könnte man als „automatischen“ Widerstand bezeichnen: gegen den Willen und die Wünsche der Eltern.
Diese Verankerung des menschlichen Widerstandes gibt mir Hoffnung, insbesondere in Zeiten, in denen sich Autoritäten mehr Bedeutung beimessen, als ihnen zusteht, und eklatante Missbräuche politischer, wirtschaftlicher und digitaler Macht allgegenwärtig sind.
Unsere Hoffnung liegt im menschlichen Widerstand.
Lisa Appignanesi OBE (britischer Verdienstorden) ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, Romanautorin und Kulturkommentatorin. Sie war Präsidentin des English PEN, Vorsitzende des Freud Museum London und bis 2020 Vorsitzende der Royal Society of Literature, deren Vizepräsidentin sie jetzt ist. Außerdem ist sie Gastprofessorin am King's College London, kuratierte 2024–25 die Ausstellung „Women & Freud: Patients, Pioneers, Artists” im Freud Museum London und gab einen Katalog zur Ausstellung heraus. Zu ihren nichtfiktionalen Publikationen gehören u.a. Everyday Madness: On Grief, Anger, Loss and Love (2018), Trials of Passion: Crimes in the Name of Love and Madness (2014), All About Love: Anatomy of an Unruly Emotion (2011), das preisgekrönte Mad Bad and Sad: A History of Women and the Mind Doctors from 1800 (2008); Freud's Women (1992/2005, mit John Forrester) und ein biografisches Porträt von Simone de Beauvoir (2005). Sie ist außerdem Autorin der von der Kritik gelobten Familienerinnerungen Losing the Dead (1999) und von neun Romanen, darunter The Memory Man (2004, ausgezeichnet mit dem Holocaust Fiction Prize) und Paris Requiem (2001/2014). Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter John Forresters Freud and Psychoanalysis. Ihre Artikel sind in The Guardian, The Sunday Times und The New York Review of Books erschienen.
Oleksandr Filts lebt und arbeitet in Lwiw (Ukraine) und ist aufgrund anderer, dringender Herausforderungen in Zeiten des Krieges nicht in der Lage, ein Statement zu verfassen.
Oleksandr Filts, Prof. Dr., leitet als Psychiater und psychoanalytischer Psychotherapeut die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Fakultät für postgraduale Ausbildung der Nationalen Medizinischen Universität Danylo Halytsky Lviv. Er ist überdies Gründungsmitglied und Präsident des ukrainischen Dachverbands für Psychotherapie. Im Jahr 1994 gründete er gemeinsam mit österreichischen Psychotherapeut:innen ein Ausbildungsprojekt für Gruppenpsychotherapie, das er bis heute gemeinsam mit Liudmyla Samsonova leitet. Von 2005 bis 2007 war Professor Filts Präsident der European Association of Psychotherapy (EAP). Die Arbeit mit Krisen, traumatischen Erfahrungen und deren Folgen ist einer der vielen Schwerpunkte seiner Arbeit. Er ist Direktor der UNBROKEN University, einem innovativen Bildungsprojekt, das 2025 als Reaktion auf die Herausforderungen des Krieges ins Leben gerufen wurde.
Widerstand
10.11.25: Ja, sehr gerne schreibe ich einen Text über Widerstand, danke für die Einladung!
12.12.25: Ich brauche noch ein bisschen, aber du wirst den Text bald erhalten.
7.1.26: Frohes neues Jahr! Mein Plan ist es, den Text nächste Woche oder so fertigzustellen.
6.2.26: Ich muss mich entschuldigen, es ist gerade Semesterbeginn und ich bin in Verzug.
8.2.26: Ich werde den Text bis morgen fertig haben.
9.2.26: Es war eine hektische Woche, aber ich werde den Text heute Abend fertig haben.
12.2.26: Es tut mir sehr leid, dass ich den Veröffentlichungstermin verpasst habe: ich war total überlastet.
Rubén Gallo ist Walter S. Carpenter Jr. Professor für Lateinamerikanische Literatur an der Princeton University, wo er seit 2002 lehrt. Er ist Autor zahlreicher Bücher über die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts, darunter Mexican Modernity: The Avant-Garde and the Cultural Revolution (2006, MIT Press, Gewinner des Katherine Singer Kovacs Prize der MLA), Freud's Mexico: Into the Wilds of Psychoanalysis (2010, MIT, Gewinner des Gradiva-Preises), Proust's Latin Americans (2014, Hopkins). Er ist auch Romanautor und hat zwei Bücher über Kuba veröffentlicht: Teoría y práctica de la Habana (2017) und Muerte en La Habana (2021). Seine Werke wurden ins Französische, Spanische, Italienische, Japanische und Chinesische übersetzt. 2020 wurde er in den Vorstand der American Academy of Arts and Sciences gewählt. Sein neues Buch Skyscrapers in Havana: Architecture and Literature of the Cuban Revolution wird 2027 bei University of Chicago Press erscheinen. Derzeit arbeitet er an einem Buch über Freud und die Oper.
Widerstand
Die persische Übersetzung von „Widerstand“ lautet: مقاومت
Moghâvemat
Gohar Homayounpour ist Psychoanalytikerin und mit dem Gradiva-Preis ausgezeichnete Autorin. Sie ist Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV), der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung (APsaA), der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft (SPI) und der National Association for the Advancement of Psychoanalysis (NAAP). Sie ist Lehranalytikerin und Supervisorin innerhalb der Freud‘schen Gruppe von Teheran, deren Gründerin und ehemalige Präsidentin sie ist. Sie ist auch Mitglied der IPA-Gruppe Geographies of Psychoanalysis. Sie ist eine gefragte internationale Dozentin, die sich weltweit aktiv in Lehre, Betreuung und Veröffentlichungen an einer Vielzahl von Institutionen und Universitäten engagiert. Sie ist Mitglied der Redaktion von The Psychoanalytic Quarterly sowie der Redaktion von Psychoanalysis, Culture & Society. Außerdem ist sie Chefredakteurin der Reihe Psychoanalytic Notebooks, die im Iran vom Ghatreh-Verlag herausgegeben wird. Ihr erstes Buch, Doing Psychoanalysis in Tehran (2012, MIT), wurde mit dem Gradiva-Preis ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ihr neuestes Buch ist Persian Blues, Psychoanalysis and Mourning (2022, Routledge).
Widerstand kann dem Widerstand nicht widerstehen
In seinem Bestreben, sich von der Behandlung mittels Hypnose zu distanzieren, stieß Freud auf eine Kraft, die sich immer dann bemerkbar machte, wenn er versuchte, einer pathogenen Idee auf die Spur zu kommen. In den Studien über Hysterie (1895) schreibt Freud mit großer Begeisterung, dass sich ihm die Deutung aufdrängte, er „hätte einen Widerstand zu überwinden“: „[S]o setzte sich mir der Sachverhalt ohneweiters in die Theorie um, daß ich durch meine psychische Arbeit eine psychische Kraft bei dem Patienten zu überwinden habe, die sich dem Bewußtwerden (Erinnern) der pathogenen Vorstellungen widersetze. Ein neues Verständnis schien sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, dies dürfte wohl dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Entstehung des hysterischen Symptoms mitgewirkt und damals das Bewußtwerden der pathogenen Vorstellung verhindert habe. Was für Kraft war da wohl als wirksam anzunehmen und welches Motiv konnte sie zur Wirkung gebracht haben? […] [I]hre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden. Doch mußte diese Spur vorhanden sein. Wenn ich mich bemühte, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, bekam ich dieselbe Kraft als Widerstand zu spüren, die sich bei der Genese des Symptoms als Abstoßung gezeigt hatte.“[1]
Die Erkenntnis, dass dieselbe psychische Kraft ein Symptom schaffen, aber sich diesem gleichzeitig auch entgegensetzen konnte, veranlasste Freud, dieser Spur nachzugehen, bis er den Kern des Widerstands gefunden hatte: die verdrängte unvereinbare oder pathogene Idee, die, sobald er sie lokalisiert hatte, das Leiden seiner Patient:innen an ihren körperlichen Symptomen linderte.
Anfänglich war Freud recht kühn und erfand die Methode, physischen Druck auf die Stirn seiner Patient:innen auszuüben: „Da bediene ich mich denn zunächst eines kleinen technischen Kunstgriffes. Ich teile dem Kranken mit, daß ich im nächsten Momente einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere ihm, daß er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als Bild vor sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, und verpflichte ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir mitzuteilen, was immer das sein möge.“[2] Mit der Zeit wurde Freud jedoch weniger körperlich und autoritär, und forderte seine Patient:innen einfach auf, alle Gedanken zu offenbaren, die ihnen in den Sinn kamen, egal wie unmoralisch oder beängstigend sie auch sein mochten. Das Aufsuchen des Widerstands als einer gewaltigen und oft geheimnisvollen Kraft blieb für Freud eine lebenslange Aufgabe. Widerstand durchzieht sein gesamtes Werk, in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen – sei es, dass er sich in der Übertragung, in Enactments oder in der negativen therapeutischen Reaktion verbarg.
Was mich immer schon fasziniert hat, ist der Umstand, dass der Begriff des Widerstands so viele verschiedene Bedeutungen in sich trägt: Für Psychoanalytiker:innen ist Widerstand in erster Linie mit einem Hindernis des analytischen Prozesses verbunden. Für Männer und Frauen hingegen, die sich während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich der Résistance angeschlossen hatten, bedeutete Widerstand den Freiheitskampf und damit ein Zeichen immensen Mutes. Wie kann das Wort Widerstand so widersprüchliche Bewegungen in sich vereinen? Eine Erklärung für dieses faszinierende Dilemma finden wir womöglich in dem bereits zitierten Text von Freud, „Zur Psychotherapie der Hysterie“, in dem er schreibt: „An das Ich des Kranken war eine Vorstellung herangetreten, die sich als unverträglich erwies, die eine Kraft der Abstoßung von seiten des Ich wachrief, deren Zweck die Abwehr dieser unverträglichen Vorstellung war. Diese Abwehr gelang tatsächlich, die betreffende Vorstellung war aus dem Bewußtsein und aus der Erinnerung gedrängt, ihre psychische Spur war anscheinend nicht aufzufinden.“[3]
Wenn man an die jüngsten Massendemonstrationen in Minnesota gegen Trumps verabscheuungswürdige Einwanderungspolitik, die Verhaftung vieler unschuldiger Personen und nun sogar den Tod zweier Menschen denkt, oder an die sinnlose Tötung von fast 20.000 Menschen im Iran, die sich gegen die Regierung stellen, wird deutlich, dass Widerstandsbewegungen aus einem tiefen Gefühl der Abscheu heraus entstehen, weil eine enorme Ungerechtigkeit stattgefunden hat, der man nicht länger passiv und schweigend zusehen kann. Man muss aufstehen und „NEIN” sagen – egal welche Konsequenzen das für das eigene Leben hat. Diese zerstörerische Kraft, die im Widerstand steckt, ist, wie Adam Phillips (2025) schreibt, „Widerstand gegen Tyrannei, sowohl innerlich als auch äußerlich. […] Er wird allmählich als Schlüssel zum Überleben in einer unterdrückenden modernen Welt anerkannt”.[4] Freuds radikales Streben nach dieser mächtigen Kraft des Widerstands trug dazu bei, dass Frauen um die Jahrhundertwende schließlich von der Tyrannei ihrer sexuellen Phantasien und Ängste befreit wurden, wodurch sie stärker in den Blickpunkt rücken und sich verstärkt Gehör verschaffen konnten. 130 Jahre später stehen Frauen erneut an vorderster Front, schreien laut und kämpfen für ihre bürgerlichen Freiheiten in vielen religiösen und rechtsgerichteten Nationen, sei es im Iran, in Afghanistan oder sogar auf den Straßen von Minnesota.
[1] Sigmund Freud, „Zur Psychotherapie der Hysterie“, in: Ders., Josef Breuer (1895), Studien über Hysterie, in: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 252–312, S. 256f. (Hervorhebung im Original).
[2] Ebd., S. 270.
[3] Ebd., S. 269.
[4] Adam Phillips, „On Resistance", in: London Review of Books, Vol. 47, No. 14/15.
Jeanne Wolff Bernstein, Ph.D., ist ehemalige Präsidentin, Supervisorin und Analytikerin am Psychoanalytic Institute of Northern California (PINC), San Francisco. Sie ist Mitglied des Lehrkörpers des PINC, des NYU Post-Doctoral Program for Psychoanalysis and Psychotherapy und des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse in Wien. Sie ist Mitglied und Vizepräsidentin des Vorstands des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse und arbeitet derzeit als Psychoanalytikerin in Wien. Sie hat zahlreiche Artikel an den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse, bildender Kunst und Film veröffentlicht. Ihr Buch The Lure of the Gaze and the Past, Berlin, Alexander Verlag, erschien 2025. Zusammen mit Daniela Finzi ist sie Mitherausgeberin von Thoughts for the Times on Group and Masses (2025) und zusammen mit Helga Klug und Daniela Kammerer ist sie Mitherausgeberin von Neu Handeln und Denken (2024).
Über Widerstand
Widerstand ist ein Begriff, in dem die klinische Dimension der Psychoanalyse mit der politischen zusammentrifft. In der Ökonomie der Psyche wirkt Widerstand auf der Seite der Verdrängung, der repressiven Kultur. Die Überwindung des Widerstandes im klinischen Prozess zielt darauf ab, das Subjekt von unnötigem Leiden und kulturellem Druck zu befreien sowie Wissen über das Unbewusste zu gewinnen.
Einer der Ursprünge der Idee des Widerstandes in der Psychoanalyse war die Freud’sche Drucktechnik. Diese Technik bestand darin, eine Handfläche auf die Stirn von Patient:innen zu legen, die Hand dann zu entfernen und die Patient:innen zu bitten, alles zu sagen, was ihnen in den Sinn kam. Freud erzeugte Druck, um ihn später wieder zu lösen. Dieser Vorgang könnte bedeuten, einen Widerstand nachzuahmen und dann wieder aufzulösen. Freud erzeugte einen äußeren Widerstandsdruck, um die Patient:innen von innerem Widerstand zu befreien und damit ein freies Sehen und Sprechen zu ermöglichen. Externer und interner Widerstand, als ob sie einander spiegeln würden.
Unter den Umständen des Zusammenbruchs der symbolischen Matrix, in dem wir uns heute befinden, ist es wichtig, nicht nur den klinischen Widerstand – einschließlich, wie Lacan betont, des Widerstands gegen die Analyse seitens der Analytiker:innen – zu überwinden, sondern auch dem System zu widerstehen, das darauf abzielt, das denkende und begehrende Subjekt zusammen mit Wissen und Bildung zu vernichten. Unter diesen Umständen lautet das wichtigste Motto, wie es von François Tosquelles formuliert wurde: zu widerstehen und zu gestalten. Widerstand zu leisten gegen das paranoide System, das das menschliche Subjekt zerstört, und Bedeutung im Leben auf diesem Planeten zu schaffen.
Dr. Viktor Mazin, Ph.D., ist praktizierender Psychoanalytiker. Der Gründer des Freud's Dream Museum in St. Petersburg (1999) ist Ehrenmitglied des Museum of Jurassic Technology (Los Angeles) sowie Leiter der Abteilung für theoretische Psychoanalyse am Osteuropäischen Institut für Psychoanalyse (St. Petersburg), außerordentlicher Professor an der Fakultät für freie Künste und Wissenschaften der Staatlichen Universität St. Petersburg und Ehrenprofessor des Instituts für Tiefenpsychologie (Kiew). Außerdem ist er als Übersetzer aus dem Englischen und Französischen ins Russische tätig und war Chefredakteur der Zeitschrift Kabinet und Mitglied der Redaktionsausschüsse folgender Fachzeitschriften: Psychoanalysis (Kiew), European Journal of Psychoanalysis (Rom), Transmission (Sheffield), Journal for Lacanian Studies (London). Er hat zahlreiche Artikel und Bücher über Psychoanalyse, Dekonstruktion, Kino und bildende Kunst verfasst.
Straßen von Minneapolis
Was über die faschistischen Ausschreitungen und Morde auf den Straßen von Minneapolis im Winter 2026 zu sehen und zu hören war, ist tragischerweise wahr. Was sich dort abspielt, ist ein kollektives Trauma, physisch ebenso wie moralisch. Gegen gewaltlose Zivilist:innen wurde Terror ausgeübt, nicht nur durch tödliche Gewalt, sondern auch durch die vorsätzliche Zertrümmerung der gemeinsamen Realität. Die Bevölkerung von Minneapolis hat mit spontanen Widerstandsaktionen auf das reagiert, was sie als straffreies Morden durch die Bundespolizeibehörden erleben. Ihre Aktionen sind ein Versuch, Leben und Sinn zu bewahren sowie somalische Einwanderer:innen und andere schutzbedürftige Gemeinschaften vor der Inhaftierung oder Abschiebung ohne strafrechtlichen Grund durch die US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) und die US-Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) zu schützen. Beide unterstehen dem Ministerium für Innere Sicherheit (Department for Homeland Security).
Von Bürger:innen mit Smartphones aufgenommene Videos dokumentierten die Tötungen von Renée Good und Alex Pretti. Diese Aufnahmen fungieren als Zeugnisse im psychoanalytischen Sinne: als Versuche, überwältigende Erfahrungen in eine wahrnehmbare Form zu überführen. Diese Umwandlung ermöglicht es, psychologische Prozesse zu denken, zu fühlen und zu teilen. Die nahezu sofortige Reaktion der Trump-Regierung – die Veröffentlichung von falschen, widersprüchlichen und moralisch perversen Darstellungen, in denen den Opfern selbst die Schuld gegeben wurde – stellte jedoch ein zweites Trauma dar. Mit diesem Trick wurde nicht nur die Verantwortung geleugnet; auch die Fähigkeit der Öffentlichkeit, zu wissen, was sie weiß, wurde angegriffen. Die implizite Botschaft lautet: „Wem glaubt ihr? Uns, die wir euch beschützen, oder euren eigenen Augen?“
Solche Angriffe auf die Realität sind nicht episodisch – sie häufen sich. Sie wirken wie fortwährende Salven, die darauf abzielen, die amerikanische Psyche zu überwältigen und sie mit unbearbeiteter emotionaler Heuchelei und Trümmern zu stopfen. Ein solipsistischer Präsident und sein innerer Kreis scheinen von Allmacht, Gier und Grausamkeit getrieben zu sein; sie treten weniger als Leitfiguren auf, sondern stiften psychische Verwirrung. In diesem Sinne regiert autoritäre Macht nicht nur Körper, sondern kolonisiert auch das Innenleben.
Der Begriff „Widerstand“ hat in verschiedenen Disziplinen unterschiedliche Bedeutungen. Im allgemeinsten Sinne bedeutet er Widerstand gegen Gewalt, Eindringen oder Beherrschung. In der Materialwissenschaft bezieht sich Widerstand auf eine vorhersehbare physikalische Eigenschaft; in der Medizin beschreibt er die Fähigkeit des Körpers, Infektionen zu bekämpfen. In der klassischen Psychoanalyse bezeichnet Widerstand unbewusste Prozesse, die die Bewusstwerdung des Unbewussten behindern. In der zeitgenössischen Psychoanalyse wird Widerstand als bedeutsame Kommunikation und Bewältigungsstrategie verstanden, als Ausdruck der Ängste der Patient:innen vor Veränderung, Sicherheit und Beziehungsbrüchen. Im politischen Bereich nimmt Widerstand oft die Form kollektiven Ungehorsams als Reaktion auf autoritäre oder totalitäre Macht an. Hier dient er dazu, unter Bedingungen von Zwang oder Zerstörung moralische Kontinuität zu bewahren. In kulturellen Ausdrucksformen funktioniert Widerstand als Erinnerungsarbeit: als eine Weigerung, Gewalt, Auslöschung oder Lügen unkommentiert zu lassen. Kunst wird zu einem Mittel des Zusammenhalts, wenn Institutionen darin versagen. Dabei kann sie die Form eines Filmes, eines Gemäldes, eines Theaterstücks, eines Gedichtes, einer Symphonie oder eines Liedes annehmen.
Für diese psychisch-politische Wunde liefert die Geschichte ernüchternde Beispiele. Am 4. November 1956 rollten mit erdrückender Gewalt sowjetische Panzer in Budapest ein, schlugen die ungarische Revolution nieder und erstickten einen demokratischen Aufstand, der tausende Menschenleben kostete. Am nächsten Tag schrieb Albert Camus: „Es gibt in dieser Welt, parallel zu den Kräften des Todes und der Unterwerfung, eine enorme Kraft der Überzeugung. Sie heißt Kultur.“ Camus plädierte für eine maßvolle, ethische Rebellion, die auf moralischen Grenzen basiert. Seine Behauptung, dass zwei und zwei vier ergibt, stellt eine Art moralisches Minimum dar: die unterste Grenze, jenseits derer die Wahrheit selbst zusammenbricht. George Orwell hat diese Idee literarisch am eindringlichsten formuliert, in seinem Roman 1984, in dem die Auslöschung dieser simplen Wahrheit die endgültige Kapitulation der Psyche signalisiert. „Wenn das verschwindet“, betont Orwells Figur, „bleibt nichts mehr übrig.“ In ähnlicher Weise formulierte der Dramatiker und Dissident Václav Havel das Konzept des „Lebens in der Wahrheit“ als Grundlage des Widerstands des tschechischen Volkes, der 1989 in der Samtenen Revolution gipfelte. Für Havel bestand Widerstand oft aus kleinen, alltäglichen Handlungen der Ehrlichkeit, die auch dann ausgeführt wurden, wenn keine unmittelbare Veränderung möglich schien.
Kultur und Kunst fungieren somit als parallele Institution der Wahrheitsfindung, wenn der offizielle Diskurs korrumpiert oder missbraucht wird. Seit Jahrhunderten legen Künstler:innen – direkt und indirekt – Zeugnis von Ungerechtigkeiten ab. Im amerikanischen Kontext stehen Persönlichkeiten wie Paul Robeson, Bob Dylan und Joan Baez beispielhaft für diese Tradition des künstlerischen Widerstandes. Für den Verfasser dieses Artikels ist jedoch der griechische Komponist Mikis Theodorakis ein besonders eindrucksvolles Beispiel – nicht nur als Schöpfer großartiger Melodien, sondern auch als moralische und kulturelle Kraft. Sein Werk hat Griech:innen, die weltweite griechische Diaspora und unzählige andere Menschen, die sich nach persönlicher und politischer Befreiung sehnen, inspiriert.
Jahrzehntelang war Theodorakis eine unermüdliche Stimme gegen kulturelle und politische Unterdrückung. In Zusammenarbeit mit Dichter:innen aus dem gesamten ideologischen Spektrum setzte er sich für eine ethische Haltung ein, die auf Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde beruhte. Seine Biografin Gail Holst-Warhaft bemerkt dazu: „Als politische Persönlichkeit im modernen Griechenland verkörperte Theodorakis den Geist des Widerstandes gegen den Missbrauch von Macht, von der Besetzung seines Landes durch die Nazis und dem darauf folgenden Bürgerkrieg bis hin zur Militärdiktatur von 1967 bis 1974.“ Am bemerkenswertesten war vielleicht seine Fähigkeit, unter Bedingungen extremer Verzweiflung – während wiederholter Inhaftierungen und brutaler Folter aufgrund seiner politischen Überzeugungen – Musik und Gedichte zu schaffen. Sein Leben und Werk zeugen vom unbeugsamen Geist des Künstlers, der sich der politischen Unterdrückung entgegenstellt. Nur wenige zweifelten an seiner trotzigen Erklärung im Exil: „Eure Panzer werden rosten. Unsere Lieder werden Bestand haben.“ Tatsächlich stehen die Panzer der Junta heute auf Schrottplätzen, während seine Lieder als Hymnen des Widerstands, der Trauer und des Überlebens überdauern.
Am 28. Jänner 2026 veröffentlichte der gefeierte Rockmusiker und Aktivist Bruce Springsteen ein eindrucksvolles Musikvideo mit dem Titel „Streets of Minneapolis”. Der Song bleibt standhaft der Wahrheit und dem Widerstand verpflichtet, gleichermaßen bezeugend wie betrauernd. Anstatt Gewalt zu erklären oder zu rationalisieren, hilft er dabei, überwältigende Trauer und Brutalität zu verarbeiten.
Der Songtext und die Bilder benennen und beschreiben, was während dieses grausamen Jänners in Minneapolis geschah. Wie lange ein solches Werk in einem Klima voller Terror und Desinformation Bestand haben kann, ist schwer zu sagen. Doch für viele, die dieses Protest-Musikvideo gesehen haben, bietet es einen zarten, aber wichtigen Funken Hoffnung und einen Fingerzeig dafür, dass selbst der dunkelste Winter nicht ewig dauern muss.
Spyros D. Orfanos, PhD, ABPP, ist Direktor des New York University (NYU), Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis. Er ist Fellow der American Psychological Association (APA) und ehemaliger Präsident der Society of Psychoanalysis and Psychoanalytic Psychology (SPPP) der APA sowie der International Association of Relational Psychoanalysis and Psychotherapy. Er ist Mitglied im Beirat des Sigmund Freud Museums in Wien. 2016 war er gemeinsam mit Eliot Jurist Mitherausgeber der Sonderbeilage von Psychoanalytic Psychology (APA) zum Thema "Psychoanalysis and the Humanities". 2017 gründete er die NYU Human Rights Work Group. Im Jahr 2023 erhielt er den SPPS Award for International Activism for Social Justice. Er praktiziert Psychoanalyse und Psychotherapie und leitet Kreativitätsstudiengruppen.
Widerstand
Wenn wir das Wort „Widerstand“ hören, denken wir vermutlich zuerst spontan an politischen Widerstand. Wir denken an den Widerstand von Einzelpersonen und Gruppen, die aufgrund bestimmter moralischer und politischer Überzeugungen gegen ein politisches Regime oder eine gesellschaftliche Bewegung mit stark totalitären, autoritären oder entmenschlichenden Zügen protestieren. Politischer Widerstand besteht in der Ablehnung eines solchen Regimes und dem Beharren auf Veränderung.
Wenn Sigmund Freud von Widerstand spricht, meint er etwas ganz anderes. In Freuds Denken bezieht sich Widerstand auf alle psychologischen Kräfte, die sich in einer bestimmten Situation der Veränderung widersetzen, selbst wenn diese Situation mit psychischem und physischem Leiden verbunden ist. Für Freud ist dieser Widerstand in der klinischen Praxis von entscheidender Bedeutung. Denn wo Widerstand vorhanden ist, wird etwas verdrängt: wichtige Erinnerungen, Gedanken und Gefühle. Eine Fassade bleibt intakt und wahre Motive werden verborgen. Wenn wir diese klinische Erkenntnis auf den Bereich der Politik und Gesellschaft übertragen, könnten wir schlussfolgern, dass Freud sich in erster Linie für die Frage interessieren könnte, warum es so wenig politischen und gesellschaftlichen Widerstand gibt, der Veränderungen zum Besseren fordert, und warum es im Gegenteil so viel Widerstand gegen Veränderungen und so viel Beharren auf der Aufrechterhaltung einer bestimmten politischen und sozialen Ordnung gibt, selbst wenn diese Ordnung offensichtlich schädliche und zerstörerische Auswirkungen hat. Gerade, dass die Motive hinter dem Beharren selten enträtselt und im konkreten politischen Widerstand oft vernachlässigt werden, macht diesen Widerstand potenziell weniger wirksam. So gesehen leistet Freud – unbeabsichtigt – einen Beitrag zum Nachdenken über politischen und gesellschaftlichen Widerstand.
Herman Westerink ist Stiftungsprofessor und außerordentlicher Professor für Religionsphilosophie am Zentrum für zeitgenössische europäische Philosophie der Radboud Universität Nijmegen, Niederlande. Er promovierte an der Universität Groningen und verfasste seine Habilitationsschrift an der Universität Wien. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel über die Freud‘sche Psychoanalyse, Sexualität, Subjektivität und Religion veröffentlicht. Unter anderem publizierte er eine Monographie über Freuds Theorien des Schuldgefühls (2009), eine Monographie über und Textausgaben der ersten Ausgabe von Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (2016, 2021, mit Philippe Van Haute). Außerdem veröffentlichte er eine Monographie über Michel Foucaults Geschichte der Sexualität (2019), sowie eine Monographie über Freuds Metaphysik des Traumas (2022, mit Philippe Van Haute). Er ist Mitherausgeber der Buchreihe „Sigmund Freuds Werke: Wiener Interdisziplinäre Kommentare“ (Vienna UP) und der Buchreihe "Figures of the Unconscious“ (Leuven University Press). Er ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Psychoanalyse und Philosophie (ISPP/SIPP) und ihrer Freud Research Group.
Widerstand
Die Programmierung des Sigmund Freud Museums orientiert sich an jährlichen Themenschwerpunkten, die von einem Leitgedanken geprägt sind: „Frei sprechen“ bestimmt unsere Museumsarbeit in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist die Konzeption museumsrelevanter Aktivitäten darauf gerichtet, den respektvollen Dialog und eine offene Auseinandersetzung unterschiedlicher Standpunkte zu fördern. Zum anderen gilt es, psychoanalytische Erkenntnisse im Hinblick auf ihre Relevanz für gegenwärtige Fragestellungen in Gesellschaft und Kultur zu untersuchen.
Auch das Jahresthema 2026 wird diesen Aspekten Rechnung tragen, aktuelle soziopolitische Entwicklungen in den Fokus nehmen und durch die Linse der Psychoanalyse beleuchten. Da unserer Grundrechte zusehends gefährdet scheinen und das Recht auf freie Meinungsäußerung zunehmend zum Spielball autoritärer Mächte verkommt, lautet unsere Antwort auf alle Tendenzen zur Absicherung oder gar dem Ausbau diktatorischer Systeme: WIDERSTAND!
WIDERSTAND – der in der Psychoanalyse wesentliche Begriff kennzeichnet eine psychische Vermeidungstaktik, die sich gegen die Bewusstwerdung verdrängter Inhalte richtet – ist der Arbeit hier am Ursprungsort der Psychoanalyse schon aufgrund seiner klinischen Bedeutung a priori eingeschrieben. Zudem kann die psychoanalytische Betrachtungsweise helfen, Hinweise auf die Funktion von WIDERSTAND in der Gesellschaft zu geben – über individuelle Erfahrungsbereiche hinaus. Aktuell verleihen Krieg und Zerstörung, Rezessionen, Klimawandel und Naturkatastrophen auch dem Faktor der „Resilienz“ zunehmend Gewicht. Seit den 1950er Jahren Thema zahlreicher psychologischer Studien, wird die WIDERSTANDSFÄHIGKEIT von Einzelnen wie von Gruppen mehr denn je zur gefragten Eigenschaft. Die Frage nach der Verhaltensbereitschaft sich zu widersetzen oder auch zu widerstehen, wird in der Psychoanalyse, der Psychologie und der Soziologie zum Diskussionsgegenstand erhoben. Denken wir nur an die destruktiven Kräfte, die angesichts der Gefährdung von Minderheiten, Frauen und Jugendlichen unsere westlichen Zivilisationen zunehmend spalten, obwohl diese Gesellschaftsordnung seit Ende des Zweiten Weltkriegs von jahrzehntelangem Frieden und wirtschaftlichen Höhenflügen profitierte. In solchen Zeiten wird auch demokratisch formierter Widerstand zur Rarität: Akte der Solidarität finden meist nur dann statt, wenn die eigene Existenz mit dem Niedergang anderer eng verknüpft und gefährdet ist. Die Erkenntnis, dass bedrohliche Zustände in einer globalisierten Welt ihre verheerende Wirkung weltweit entfalten und sich kaum jemand in Sicherheit wähnen kann, dringt nur zögerlich in unser kollektives Bewusstsein.
Dieser Umstand lässt auch den maßgeblichen Unterschied zwischen dem psychoanalytischen WIDERSTAND und den anderen Deutungsmöglichkeiten des Begriffes erkennen – ersterer ist unserem Bewusstsein entzogen, wohingegen der gesellschaftliche WIDERSTAND nur bewusst gegen soziale Ungerechtigkeiten und Diskriminierung zum Einsatz gebracht werden kann – ob durch zivilgesellschaftliches Engagement oder in künstlerischen Diskursen, Produktionen und Aktionen. Dasselbe gilt für den politischen WIDERSTAND, der sich gegen autoritäre Machtverhältnisse und antidemokratische Tendenzen richtet und dabei nach wie vor ein zentrales Mittel im Kampf um Menschenrecht und -würde darstellt. Eine zentrale Idee aber bleibt bei allen Formen des WIDERSTANDS bestehen: er bedeutet immer Auflehnung gegen einen als bedrohlich und destruktiv empfundenen Zustand.
Daher nähern sich unsere Beiratsmitglieder dem Jahresthema 2026 aus psychoanalytischer, gesellschaftlicher und politischer Perspektive mit kritischen Textbeiträge und ausgesuchten Bildern, die Sie hier auf unserer Website in der Online-Ausstellung WIDERSTAND vorfinden. Für diese interessante und fruchtvolle Zusammenarbeit danke ich sehr herzlich:
Rubén Gallo (Princeton University)
Herman Westerink (Radboud University Nijmegen)
Jeanne Wolff Bernstein (Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse)
Lisa Appignanesi (King's College London)
Oleksandr Filts (Unbroken University)
Gohar Homayounpour (Freudian Group of Tehran)
Victor Mazin (East-European Institute of Psychoanalysis St. Petersburg)
Spyros D. Orfanos (New York University).
Monika Pessler
Direktorin
Sigmund Freud Museum