Die Spanische Grippe, Covid-19 und Sigmund Freud

Was können wir aus der Geschichte lernen?
 
Jeanne Wolff Bernstein, Vorsitzende des Beirats der Sigmund Freud Privatstiftung
 
"Wenn wir nun sagen wir bekämpfen das Virus, wir werden es besiegen, so sprechen wir in Kriegsmetaphern, die eigentlich nicht auf das Virus zutreffen. Das zeigt, wie abstrakt die Situation ist. Wir haben nicht einmal eine angemessene Sprache dafür." (Annemarie Pieper, 2020)

Was wäre eine angemessene Sprache und wie soll man sie finden in Zeiten von Corona, in denen so viel Not und Tod während einer weltweiten Pandemie herrschen? Konfrontieren wir nicht wieder „eine Krise des Imaginären“ (siehe Tom Friedman, NYTimes, 2001, Crisis of Imagination) wie am 11. September 2001, wo wir zuerst auch keine passenden Worte finden konnten, um den Einsturz der „Twin Towers“ in New York zu beschreiben, nachdem ein Flugzeug in beide Türme geflogen war und diese zum Einsturz brachte? Heutzutage sind wir nicht mit einem brutalen terroristischen, politisch motivierten Akt konfrontiert, der uns sprachlos macht, sondern wir stehen einem unsichtbaren Virus gegenüber, das über eine Million Menschen infiziert und zehntausende Todesfälle in rasant schneller und höchst unerwarteter Weise weltweit gefordert hat.

 

Um eine Sprache, ein symbolisches System wieder zu finden, um das Reale sprachlich erfassen und die jetzige Katastrophe integrieren zu können, beschäftigte ich mich mit der Frage, wie Sigmund Freud selbst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wohl auf die damalige, höchst vernichtende Pandemie der Spanischen Grippe reagiert und wie er sie möglicherweise in seinen Schriften verarbeitet hatte. Einzig bekannt war mir, dass Sophie Halberstadt-Freud, seine Lieblingstochter, sein „Sonntagskind“, am 25. Januar 1920 an dieser Virusinfektion gestorben war, und dass ihr Tod wie auch der ihres jüngsten Sohnes, Heinerle, drei Jahre später eine tiefe, erst später erkannte Trauer und Verzweiflung in Freud ausgelöst hatte. Den Tod von Sophie teilt er seiner Mutter Amalie am 26. Januar 1920 mit folgenden Worten mit:

Liebe Mutter,
heute habe ich eine traurige Nachricht zu geben. Unsere teure, blühende Sophie ist gestern früh an einer rasch verlaufenden Grippe mit Lungenentzündung gestorben. Wir haben es mittags durch ein Gespräch mit Minna in Reichenhall erfahren. Oli(ver) und Ernst sind von Berlin aus zu Max gereist. Robert und Mathilde fahren am Neunundzwanzigsten dieses Monats, um wenn möglich dem vereinsamten Mann beizustehen. Martha ist zu elend, man könnte ihr die Reise nicht zutrauen, und Sophie hätte sie doch nicht mehr am Leben angetroffen.
Es ist das erste unserer Kinder, das wir so überleben müssen. Was Max tun, was mit den Kindern geschehen wird, wissen wir natürlich noch nicht. Ich hoffe, Du wirst es ruhig hinnehmen, man muss sich ja auch das Unglück gefallen lassen. Trauer um die prächtige, lebenstüchtige Kleine, die so glücklich mit Mann und Kindern war, ist aber erlaubt.

Ich grüße Dich herzlich,
Dein Sigm

(Ernst Freud, 1960, S. 326)

 
Einen Tag später schreibt Freud an Oskar Pfister, seinen Freund, den Schweizer Pastor:

Lieber Herr Doktor,
(…) Am selbigen Nachmittag erhielten wir die Nachricht, daß unsere liebe Sophie in Hamburg von einer Grippe-Lungenentzündung hinweggerafft worden ist, so weggerafft aus blühender Gesundheit, aus voller Lebenstätigkeit als tüchtige Mutter und zärtliche Frau, in vier oder fünf Tagen, als wäre sie nie dagewesen. Wir waren schon seit zwei Tagen besorgt um sie, hatten aber doch Hoffnung; aus der Ferne ist das Urteilen ja so schwer. Und diese Ferne muss eine Ferne bleiben; wir konnten nicht wie wir wollten, sofort nach der ersten alarmierenden Nachricht reisen; es ging kein Zug, auch kein Kinderzug. Die unverhüllte Brutalität der Zeit drückt auf uns. Morgen wird sie eingeäschert, unser armes Sonntagskind! Erst übermorgen können unsere Tochter Mathilde und ihr Mann, dank einer unverhofften Konstellation von einem Ententezug mitgenommen, sich auf den Weg nach Hamburg machen; unser Schwiegersohn war zum mindesten nicht allein; zwei unserer Söhne, die in Berlin waren, sind bereits bei ihm, und Freund Eitingon ist mit ihnen gefahren. Sophie hinterläßt zwei Söhne, von sechs Jahren und von dreizehn Monaten und einen untröstlichen Mann, der das Glück dieser sieben Jahre jetzt teuer bezahlen wird. Das Glück war nur zwischen den beiden; nicht äußerlich: Krieg, Einrückung, Verwundung, Aufzehrung ihrer Habe, aber sie waren tapfer und heiter geblieben.
Ich arbeite, so viel ich kann, und bin dankbar für die Ablenkung. Der Verlust eines Kindes scheint eine schwere, narzißtische Kränkung; was Trauer ist, wird wohl erst nachher kommen.

(Ernst Freud, 1960, S. 327)

 
Und an Sandor Ferenczi schreibt er am 4. Februar, ein paar Tage später:

(…) Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich bin bis auf etwas mehr Müdigkeit derselbe. Der Todesfall, so schmerzvoll er ist, findet doch keine Lebenseinstellung umzuwerfen. Jahrelang war ich auf den Verlust der Söhne gefaßt, nun kommt der der Tochter; da ich im tiefsten ungläubig bin, habe ich niemanden zu beschuldigen und weiß, daß es keinen Ort gibt, wo man eine Klage anbringen kann. (…) Ganz tief unten wittere ich das Gefühl einer tiefen, nicht verwindbaren narzißtischen Kränkung. Meine Frau und Annerl sind im menschlicheren Sinn schwer erschüttert.

(Ernst Freud, 1960, S. 327-328)
 

Die Trauer kam später, aber was nicht mehr kam, war ein Rückblicken auf die Auswirkungen der Spanischen Influenza auf das eigene Schaffen und auf die Spuren, die die damalige Pandemie bei den anderen Familienmitgliedern hinterlassen hatte. Dank der Korrespondenz mit Karl Abraham können wir aber erfahren, dass Freuds Frau Martha bereits im Mai 1919 an einer „Grippenpneumonie“ erkrankt war. „Meine Frau liegt jetzt mit einer echten Grippenpneumonie, aber es scheint gut zu verlaufen, man rät uns keine Sorge zu haben“ (Freud / Abraham 2009, S. 620). Durch eine daran angeknüpfte Fußnote von Ernst Falzeder und Ludger Hermanns, erfahren wir jedoch, dass „Martha Freud sich von dieser Grippe monatelang nicht erholen sollte. 1918—1919 wütete die sogenannte Spanische Grippe, der mehr Menschen zum Opfer fielen als durch den Ersten Weltkrieg, darunter Freuds Tochter Sophie (gest. 25.1.1920)“ (ebd., 2009, S. 621). Nach ihrer Genesung entschließt sich Martha in das Sanatorium von Parsch zu gehen und Freud fährt mit seiner Schwägerin Minna in das etwas teure Sanatorium in Bad Gastein, was ihn dazu veranlasst, an Karl Abraham am 6. Juli 1919 Folgendes zu schreiben:

Meine Frau ist, darf ich sagen, völlig hergestellt. Sie reist am 15. des Monats in das Sanatorium Parsch bei Salzburg, gleichzeitig fahre ich und meine Schwägerin nach Gastein. Ihr Arzt besteht auf einen Versuch mit Höhenklima bei ganz ruhigem Leben.
Meine Tochter bemüht sich um Einreise ins Bayerische bei Reichenhall in Gemeinschaft mit einer Freundin (Margarete Rie, Anm. JWB). Verwundern Sie sich nicht, dass wir in diesen Zeiten so teure Aufenthalte wählen. Alles in der Nähe von Wien ist noch teurer, fast unerschwinglich, die meisten Sommerurlaube sind gesperrt, alles was mit Reisen ins Ausland zusammenhängt, ist noch immer unerträgliche Plackerei. Und man will doch nicht ganz auf die mögliche Erfrischung, so lange es warm ist, verzichten. Wer weiß wie viele von uns den nächsten Winter, von dem Böses zu erwarten ist, überstehen werden. Auch regt die Sicherheit des materiellen Untergangs als Folge unserer staatlichen Situation gerade nicht zu Sparsamkeit an. (ebd., S. 624, Hervorh. JWB)

Abgesehen von der Nonchalance, mit der Freud seinem Kollegen Abraham mitteilt, dass er mit Minna in das teure Sanatorium fährt, anstatt mit seiner Frau Martha nach Parsch bei Salzburg, erfahren wir auch an anderer Stelle, dass noch drei weitere Kinder von Freud an der Influenza erkrankt waren: Anna, Ernst und Mathilde. Von ihren Erkrankungen ist kaum die Rede, denn Freud hält sich im Hinblick auf diese Krankheitsfälle gegenüber seinen Freunden und Kollegen bedeckt. Hinzu schlummert im Hintergrund auch noch Freuds Sorge um seinen Sohn Martin, der zu Kriegsende noch in Kriegsgefangenschaft ist.

Am 2. Dezember 1918 schreibt Freud seinem Freund Abraham, dass sein Sohn Martin noch nicht heimgekehrt ist, „(…) alle Auskünfte deuten darauf hin, dass sein ganzer Truppenkörper kampflos gefangen genommen wurde, das wäre also nicht das Ärgste; über sein persönliches Schicksal seit 25. Oktober keine Nachricht. Ernst ist in München, Oli unberaubt zu Hause. Die Einschränkungen sind arg bei uns, die Unsicherheiten groß, Praxis natürlich geringfügig.“ (ebd, S. 604, Hervorh. JWB). Zwei Wochen später weiß Freud immer noch nicht, wo Martin gefangen gehalten wird, und “das trägt zur gedrückten Stimmung dieser Zeiten bei.“ (ebd., S. 607). Erst am 19.1.1919, drei Monate nach der ersten Auskunft seiner Inhaftierung, erfährt Freud, dass Martin in Genua festgenommen wurde. Im Juli, also zu jener Zeit zu der Martha, Minna und Freud in getrennte Sanatorien fahren, wird Martin aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrt nach Wien zurück.

Im Gegensatz zu unserer heutigen Covid-19-Pandemie, scheint die Spanische Influenza für Freud nur ein arger Nebenschauplatz gewesen zu sein in Anbetracht aller anderen Nöte und Schicksalsschläge, denen er ausgesetzt war. Durch das Lesen seiner verschiedenen Briefe zu einer Zeit in der er unter anderem „Das Tabu der Virginität“ (1918), „Das Unheimliche“ (1919) und „Ein Kind wird geschlagen“ (1919) verfasst hatte, war er fast tagtäglich mit Nahrungs- und Heizungskosten sowie wirtschaftlichen Einschränkungen aller Art konfrontiert. „Die Einschränkungen sind arg bei uns, die Unsicherheiten groß, Praxis natürlich geringfügig“ und „im Zimmer bitterkalt“, schreibt er an Abraham am 2. Dezember 1918 und dann wieder am 9. Februar 1919 (ebd.,S. 604, S. 610).

Die Spanische Grippe – „spanisch“ genannt, weil Spanien kein Presseverbot hatte und somit relativ frei und weltweit über die Ausbreitung der Seuche berichten konnte – waren die „spanischen“ Viren, aus den USA (Haskell County, Kansas State) von amerikanischen Soldaten nach Europa eingeschleppt worden. Die Spanische Grippe war eng mit dem Kriegsgeschehen in Europa verbunden, denn mit dem Einmarsch der US-Soldaten auf französischem Boden kam der eigentlich noch größere „Killer“ nach Europa. Was als Unterstützung und Hilfe der Alliierten galt, entpuppte sich im Nachhinein als der heftigere tödliche Faktor. Es gibt unzählige Parallelen zwischen der damaligen und heutigen Pandemie, angefangen von den Symptomen (trockener Husten, hohes Fieber, Schüttelfrost, Lungenentzündung) und dem Verlauf der Krankheit (wenn man die Entzündung nicht überlebte, trat der Tod gewöhnlich nach neun bis zehn Tagen ein, die Überlebenden klagten über schwere Müdigkeit und darauffolgende Depressionen) über die ersten Gerüchte – „fake news“ – über den Verlauf und die Ausbreitung der Krankheit (die Grippe sei durch Konservendosen aus Spanien importiert und diese wären wiederum von den Deutschen vergiftet worden) bis hin zur Überwältigung angesichts der großen Anzahl der Toten (trotz eingeleiteter Quarantänemaßnahmen stieg die Anzahl von 2.800 im August auf 12.000 Tote im September allein in den USA).

Und doch warnt die Historikerin Elisabeth Dietrich Dam, der Universität Innsbruck, die beiden Epidemien nicht zu leichtfertig miteinander zu vergleichen. Sie vertritt den Standpunkt, dass der Weltkrieg und die Kriegsziele immer vordergründig blieben: „Soldaten wurden in Eisenbahnen und Schiffen zusammengeballt, verfrachtet, und wenn einer von ihnen erkrankt war, steckte er die gesamte Truppe an. Die Quarantäne und Isolierungsmaßnahmen, die Regierungen in ganz Europa ergriffen haben und die der Eindämmung der Corona Pandemie dienen, waren im Ersten Weltkrieg nicht möglich.“ (Dietrich-Daum, 2020).

Der Blick zurück in die Vergangenheit hilft womöglich, die jetzige Covid-19-Pandemie besser einzuschätzen und in ein symbolisches System einzugliedern. Es scheint wahrscheinlich, dass wir uns auf mehrere Etappen der Pandemie vorbereiten müssen, denn auch die Spanische Grippe dauerte zwei Jahre, von 1918 bis 1920, und wirkte sich weltweit in drei aufeinanderfolgenden Wellen aus. Einiges können wir auch anhand der Unterschiede dieser Pandemien, die beinahe hundert Jahre auseinander liegen, lernen. Im Gegensatz zu Covid-19 starben an der Spanischen Grippe hauptsächlich jüngere Menschen (20- bis 40-Jährige) und durch den Ersten Weltkrieg verbreitete sich die Influenza nochmals breiter und forderte am Ende fast 50 Millionen Todesopfer, weitere 500 Millionen wurden infiziert. Im Gegensatz zur damaligen „Lungenpest“ haben wir außerhalb des afrikanischen Kontinents keine großen Kriege zu kämpfen. Zugleich sieht sich Europa noch nicht einmal im Stande, den paar tausenden Flüchtlingen zu helfen, die auf der Flucht vor dem syrischen Krieg in griechischen Flüchtlingslagern verharren müssen. Wir bekämpfen keine Hungersnot, unsere Überlebungschancen sind durch neu gewonnene Sicherheitsmaßnahmen weit höher als damals und neu gefundene Medikamente und Impfungen sind auf dem Weg. Die Frage jedoch, warum Sigmund Freud die Spanische Influenza in seinen Schriften kaum erwähnt, ist wohl durch seine enge Verstrickung mit den „alltäglichen“ Kriegsbegebenheiten, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, zu verstehen. Der enorme Unterschied zwischen der Anzahl der Kriegsopfer und jener der Spanischen Influenza wurde aufgrund der Informations- und Nachrichtenlage erst im Nachhinein bekannt, sodass zu Freuds Lebzeiten die Differenz zwischen den an der Pandemie Verstorbenen und den im Krieg Gefallenen kaum auseinander zu halten war. Hinzu kommt, dass der vom Menschen selbst inszenierte Tod – wie ein Krieg, der vermeidbar wäre – eine komplexere Analyse der menschlichen Lust/Unlust an Gewalt erfordern würde im Unterschied zu den Folgen einer unsichtbaren Pandemie, der man relativ hilflos ausgeliefert ist.

Trotzdem sollten wir uns immer wieder an die Worte von Sigmund Freud erinnern, die uns heute, wie ein Echo aus der Ferne erreichen:

„Si vis vitam, para mortem – Wenn Du das Leben aushalten willst, richte Dich auf den Tod ein.“ (Freud, 1915, S. 355).
 
 
 
Wie schon angedeutet, konnte Freud sich seiner tiefen Trauer erst hingeben, als sein kleiner Enkel Heinerle, der jüngste Sohn von Sophie am 19. Juni 1923 starb. Drei Jahre später, am 15. Oktober 1926, schreibt Freud an Ludwig Binswanger die folgenden Zeilen:

„Dieses Kind hat für mich den Platz aller meiner anderen Kinder und Enkelkinder eingenommen, und seitdem, seit Heineles Tod, kümmere ich mich nicht mehr um meine anderen Enkelkinder und empfinde auch keine Lust mehr am Leben. Das ist auch das Geheimnis meiner Gleichgültigkeit/Indifferenz – was man Mut genannt hat – in Anbetracht der Bedrohung auf mein eigenes Leben.“

Und im Jahre 1929 antwortet er Ludwig Binswanger am 11. April 1929 (der der 36. Geburtstag seiner Tochter Sophie gewesen wäre):

„Man weiß, daß die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art die Liebe fortzusetzten, die man ja nicht aufgeben will.“ (Ernst Freud, 1960, S. 383).

Dieses sind erstaunliche Worte von einem Mann, der in seinen theoretischen Schriften wie in „Trauer und Melancholie“ (1915/1917) davon spricht, dass die Trauer ein begrenzter Prozess sei, der, wenn vollendet, neue Liebesfähigkeiten zu neuen Objekten knüpfen lasse, und der behauptet, dass jegliche andauernde Trauer Zeichen einer Melancholie sei, in der das Subjekt das verlorene Objekt inkorporiert, welches sich dann gegen das Ich wendet und es mit Klagen und Vorwürfen überwältigt und das verlorene Objekt somit nie aufgeben muss. „Wir sehen bei ihm (dem Melancholiker, JWB), wie sich ein Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, es gleichsam zum Objekt nimmt.“ (Freud, 1915/1917, S. 433).

Die Idee, dass ein Verlust eine andauernde, offene Wunde hinterlässt, die durch kein neues Objekt ersetzt werden kann und dass dieses der Beweis einer bestehenden und andauernden Liebe sein könnte, lässt sich in seinem späteren theoretischen Werk nicht mehr auffinden.[1]

Freuds späte Erkenntnis einer untröstlichen Liebe und eines andauernden Trauerprozesses weist aber möglicherweise darauf hin, dass eine am Anfang „abstrakte Situation“ (Annemarie Pieper) oder unmögliche Situation, wie Lacan das Reale im Seminar XI beschreibt, eventuell in eine symbolische, affektive Sprache übersetzt werden kann, denn auch in einem traumatischen Geschehen wie der Covid-19-Pandemie „geht es um ein Rendez-vous mit dem Realen, zu dem wir stets gerufen sind, das sich jedoch entzieht.“ (Lacan, 1963/64, 2015, S. 59).

Was zuerst nur mit Nummern, Statistiken, Graphen und „Fakten“ eingefangen werden kann, da die Sachverhalte überwältigend und unvorstellbar sind, wird möglicher Weise erst nachträglich in einer veränderten Sprache Halt finden können, die nicht nur registriert, informiert und erregt, sondern auch einen symbolischen Raum bietet, in dem die emotionalen Verluste Form annehmen können und Widerhall finden.
 
 
Jeanne Wolff Bernstein ist Vorsitzende des Beirats der Sigmund Freud Privatstiftung. Sie lebt als Psychoanalytikerin in Wien und New York.

_____

[1] Vgl. dazu den Vortrag von Jan Lohl, „Dem Psychologen aber ist die Trauer ein großes Rätsel. Überlegungen zu Freuds Theorien der Trauer und ihrem gesellschaftlichen Kontext“, Sigmund Freud Universität Wien, 2016.

Literatur:

Dietrich-Daum, Elisabeth (2020), „Nicht mit historischen Seuchen vergleichbar“, hier online abrufbar

Freud, Sigmund (1915/1917) Trauer und Melancholie, GW X, 428-446.

Freud, Sigmund (1915): Zeitgemäßes über Krieg und Tod. GW X, 324-355.

Freud, Ernst, (1960) Briefe 1873-1939, S. Fischer Verlag.

Sigmund Freud / Karl Abraham Briefwechsel 1907-1925, Vollständige Ausgabe, Herausgegeben von Ernst Falzeder & Lidger M. Hermanns, 2009, Turia und Kant.

Sigmund Freud / Sandor Ferenczi Briefwechsel, Herausgegeben von Ernst Falzeder & Eva; 1996, Böhlau, Wien

Lacan, Jacques, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Seminar XI, (1963-1964). Übersetzt von Norbert Haas, Turia und Kant (2015)  

Lohl, Jan (2016), „Dem Psychologen aber ist die Trauer ein großes Rätsel.“ Überlegungen zu Freuds Theorien der Trauer und ihrem gesellschaftlichen Kontext”, Vortrag , SFU Universität Wien, Oktober 2016.

Pieper, Annemarie, (2020), Interview mit Annemarie Pieper, Tagblatt, 25. März.

Spanische Grippe auf Wikipedia

 

Frei Sprechen

Haim Steinbach, AHA!, 1997

 

Monika Pessler, Direktorin

Die Aktivitäten des Sigmund Freud Museums werden in den Jahren 2021 - 2025 dem Leitmotiv FREI SPRECHEN folgen. Dem Doppelsinn dieses Themas sind zwei Aspekte eingeschrieben, die für den heutigen Diskurs ebenso relevant sind wie für die frühe Entwicklungsgeschichte der Psychoanalyse: Einerseits wird an Josef Breuers "kathartische Methode" erinnert, die der Psychoanalyse vorausging und ein SICH FREISPRECHEN ermöglichen sollte (weshalb die spätere Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim auch von "chimney-sweeping" sprach). Andererseits bildet die Aufforderung, FREI ZU SPRECHEN, die Grundlage und das Anliegen eines jeden psychotherapeutischen Dialogs. Ziel dieses einst von Freud gemeinsam mit seinen PatientInnen entwickelten Sprechverfahrens der "Talking Cure" war und ist es bis heute, die Ursachen jener Symptome und Handlungsweisen zu ergründen, die das individuelle ebenso wie das gesellschaftliche Dasein erschweren oder gar gefährden. Erst aufgrund eines kontinuierlichen Austauschs und einer tiefgreifenden Analyse können auf Basis der so gewonnenen Erkenntnisse bisher unbekannte Wege in der Bewältigung von Krisen eröffnet und beschritten werden.

Einen weiteren Grund, die Aufgaben, Projekte und Gesprächsreihen des Sigmund Freud Museums unter das Leitmotiv FREI SPRECHEN zu stellen, liefert die psychoanalytische Kulturtheorie. Freud widmete sich in zahlreichen Schriften[1] Themen, die auch unsere gegenwärtige(n) Gesellschaft(en) prägen: der Frage nach Identität und Freiheit, die heute aufgrund sozialer und ökonomischer Spaltungen immer brisanter wird, den Tendenzen zu Paranoia und Verleugnung, die in Zeiten der Corona-Pandemie verstärkt auftreten, ebenso wie religiös, rassistisch, sexistisch oder homophob motivierten Aggressionen und Abwehrmechanismen.

Längst etablierte Wertehaltungen - wie sie 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und zum wiederholten Mal in der Abschlusserklärung der Internationalen Konferenz für Menschenrechte formuliert und 1993 von insgesamt 171 Staaten der Vereinten Nationen unterzeichnet wurden - verlieren scheinbar an Bedeutung. Entgegen der Lehren, die man einst aus der Geschichte zu ziehen vermeinte, wird neben der Herabwürdigung und Verletzung menschlicher Grundrechte im Zuge nationaler und/oder gesamteuropäischer Exklusionsmaßnahmen der Ruf nach autoritären Herrschaftssystemen immer lauter vernehmbar.

Im Versuch, konstruktive Antworten auf virulente Themen unserer Zeit zu finden, diese aufzubereiten und zu bearbeiten, erweist sich ein weiterer Faktor, der psychoanalytischen Kommunikationsstrategien seit jeher immanent ist, als hilfreich - ihre Inter- bzw. Transdisziplinarität. Seit ihren Anfängen war die Psychoanalyse als eine interdisziplinäre Unternehmung angelegt, Freud dazu: "Die Würdigung der Psychoanalyse würde unvollständig sein, wenn man versäumte mitzuteilen, daß sie als die einzige unter den medizinischen Disziplinen die breitesten Beziehungen zu den Geisteswissenschaften hat und im Begriffe ist, für Religions- und Kulturgeschichte, Mythologie und Literaturwissenschaft eine ähnliche Bedeutung zu gewinnen wie für die Psychiatrie".[2]

So wie sich andere Disziplinen psychoanalytischer Erklärungsmodelle bedienen, profitiert die Psychoanalyse bis heute von den Expertisen der unterschiedlichen Wissensgebiete und integriert Betrachtungsweisen und Annahmen der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften in die eigene Forschungsagenda. Denken wir dabei nur an Freuds Verwendung der "archäologischen Metapher", deren „architektonische Dimension“ Freud auch zur „Repräsentationsform der psychischen Realität“, der Topografie des „psychischen Apparats“ verhalf.[3]
So verlangt der psychoanalytische Dialog in Theorie und Praxis nach einem kontinuierlichen Perspektivenwechsel, dem für das Gelingen der Wirklichkeitsrekonstruktion und ihrer Deutung unschätzbarer Wert beigemessen wird - wie nicht zuletzt das Phänomen der "Übertragung und Gegenübertragung" eindrucksvoll belegt.

Auch das korrelierende Verhältnis zwischen individueller und kollektiver Psyche gründet aus psychoanalytischer Sicht vornehmlich auf einem Wechsel des Standpunkts, denn der "Gegensatz" von Individual- und Sozialpsychologie erscheine nur auf den ersten Blick bedeutsam, schreibt Freud schon 1921, und büße "bei eingehender Betrachtung sehr viel von seiner Schärfe" ein, da "der andere" im "Seelenleben des Einzelnen […] ganz regelmäßig als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht kommt, und die Individualpsychologie […] daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne"[4] sei.
Dementsprechend finden sich psychoanalytische Konzepte auch früh in sozialwissenschaftlichen Analysen und Beschreibungen wieder – in der gesellschaftsreformatorischen Pädagogik der 1920er Jahre oder zeitgenössischen Kunstbewegungen wie dem Dadaismus und Surrealismus.

Den weiterführenden Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts mag Freud selbst Vorschub geleistet haben, indem er in seinem Spätwerk die Beziehung und Interaktion zwischen der AnalytikerIn und AnalysandIn als einen Prozess der "Transformation" beschrieb – eine Einschätzung, die jüngere Disziplinen der psychosozialen Wissenschaftsgeschichte ins Gedächtnis ruft.

Die methodische Dialogführung und ein durch sie eröffnetes sowie begleitetes Transformationsgeschehen avanciert in zahlreichen Disziplinen zu einem bevorzugten Verfahrensschritt: ab Mitte der 1940er Jahre etwa in der Gruppendynamik, für die Kurt Levin mit seiner experimentellen Sozialpsychologie schon in den 1930ern die Grundlagen schuf.
Ab den 1950er Jahren gelangt Ruth Cohn, Tochter einer in Deutschland assimilierten jüdischen Familie, die als Studentin 1941 aus der Schweiz in die USA emigrierte, Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion[5]: "Ich wurde Psychoanalytikerin in einer Zeit, in der humane Werte einer 'Exklusivitätsphilosophie' zum Opfer fielen. Was daraus folgte, ist im Lauf der Geschichte immer wieder geschehen und geschieht heute noch.", schreibt Cohn im Vorwort ihrer Textsammlung erstmals 1975. Sie begegnet den von ihr beschriebenen, vergangenen wie damals aktuellen Entwicklungen mit einem erweiterten psychodynamischen Dialogverfahren, das ein ausgewogenes und "vertieftes Verstehen von Person, Gruppe und thematischer Aufgabe und ihrer wechselseitigen Beziehungen"[6] ins Zentrum rückt.
Ende der 1960er führen Überlegungen Gregory Batesons und Heinz von Foersters zu einer erweiterten Befragung selbst organisierter, biologischer und sozialer Systeme – womit sowohl das System Mensch als auch ein von Menschen belebtes System wie eine Organisation gemeint sein kann.[7]
Foerster stützt sich in seinen erkenntnis- und kommunikationstheoretischen Untersuchungen unter anderem auf die Methode der Beobachtung und fordert zusätzlich zur herkömmlichen auch eine "Beobachtung zweiter Ordnung" ein: die Beobachtung der/des Beobachtenden. Da jede Sicht- und Erklärungsweise von den Erkennenden, ihren Erfahrungen und Vorurteilen abhängt, gründet das Verständnis des Kybernetikers und Konstruktivisten ebenso wie das der PsychoanalytikerInnen darauf, dass es die "objektive Wahrheit" nicht gibt. Doch im Dialog über das Beobachtete und die Beobachtenden können immerhin jene Faktoren zur Sprache gebracht werden, die den jeweiligen Einschätzungen und Analysen - der Konstruktion des Status quo - zugrunde liegen.
Dirk Baecker, Soziologe und Kulturtheoretiker, meint über die BeobachterInnen zweiter Ordnung, dass es in unserer Gesellschaft vor allem "Intellektuelle, Kritiker, Psychoanalytiker, heute zunehmend: Künstler," seien, "die sich darüber wundern, was die anderen für selbstverständlich halten […]"[8].

In den letzten Jahrzehnten zeitigen die kontinuierlich anwachsende Technologisierung und weltweite Globalisierung der Finanz- und Handelsmärkte immer komplexer werdende Arbeits- und Produktionsbedingungen, die auf die Strukturen ihrer Systeme nicht ohne Wirkung bleiben konnten. So wird ab den 1990er Jahren nicht nur im Bereich privater Lebensverhältnisse, sondern auch für betriebliche Systeme die Steigerung der Widerstandsfähigkeit ("Resilienz") vakant. Ebenso gilt es, im professionalisierten Management das "Wesen" betrieblicher Strukturen zu erforschen, deren Kommunikationsvermögen und Reaktionsfähigkeit ("Responsiveness") unter Beobachtung zu stellen und zu stärken.

Wird Foersters Kybernetik von Niklas Luhmann in Anlehnung an die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela noch einmal verschärft in Anschlag gebracht und Systeme als streng voneinander getrennte, allein durch ihre System/Umwelt-Differenz definierte Einheiten beschrieben – so behält FREI SPRECHEN im Sinne der Transdisziplinarität vor allem die Evidenz der wechselseitigen Bedingtheit von Individuum und Gesellschaft im Fokus.

Daher wird in der Wiener Berggasse 19 einmal mehr der Versuch unternommen, eine Verbindung zwischen der historischen und aktuellen Bedeutung dieses Ortes herzustellen und an jene Aspekte erinnert, die sich als „Geschichte im fruchtbaren Sinn“ (Bloch) erweisen.

Anstatt Symptome unserer Gesellschaft lediglich als "Anpassungsstörung" aufzufassen, wird ihnen "individuelles Wissen, gleichsam ein Charakter"[9] zugestanden und dem "Anderen" (Lacan) Gehör verschafft, um im sprachlichen Austausch eine sinnstiftende und gemeinsame Erzählung zu etablieren.
Im Format FREI SPRECHEN können ebenso jene Kriterien Berücksichtigung finden, die laut Joachim Küchenhoff den psychoanalytischen Dialog auszeichnen wie "die Form, wie Worte berühren können, aber auch die Produktivität eines Gesprächs, das nicht nur vorher überlegtes reproduziert, sondern auch produktiv ist".[10]

So wie für André Michels und Claus Dieter Roth die Bereitstellung eines solchen "Sprachraums" zur bedeutendsten Aufgabe der Psychoanalyse zählt, so maßgeblich ist sie in der Vermittlungsarbeit des Sigmund Freud Museums: auch hier prägt der Inhalt die Form - und vice versa.

Nicht als eine ausschließliche Gemeinschaft von PsychoanalytikerInnen, aber mit ihnen und mit anderen propagiert FREI SPRECHEN zudem jene "Mehransichtigkeit", wie sie in den Künsten zugunsten eines systemumfassenden Dialogs gepflegt wird. Denn was für die Systemtheorie zutrifft, gilt für die Psychoanalyse und für das Museum an ihrem Ursprungsort schon lange – sie "eignet sich nicht dazu, anderen das Wort zu verbieten. Im Gegenteil, sie ist auf nichts neugieriger als auf das Wort der anderen[11].

 

 

Literatur:

 

[1] Sigmund Freud, Zur Einführung des Narzissmus (1914); Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921); Das Unbehagen in der Kultur (1930) oder sein Briefwechsel mit Albert Einstein Warum Krieg? (1933).

[2] Freud, Sigmund: ‚„Psychoanalyse“ und „Libidotheorie“‘ [1923], in: Gesammelte Werke XIII. Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das Es, London: Imago Publishing Co. 1940, S. 209-233, S. 212 u. 228.

[3] Stockreiter, Karl: „Am Rand der Aufklärungsmetapher. Korrespondenzen zwischen Archäologie und Psychoanalyse“, in: Lydia Marinelli / Sigmund Freud Museum (Hg.): „Meine alten und dreckigen Götter“ – Aus Sigmund Freuds Sammlung. Frankfurt a.M.: Stromfeld Verlag 1998, S. 81-93, S. 81 ff.

[4] Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921, in: Studienausgabe Bd. IX., s. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1974.

[5] Ruth Cohn, Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion, (Erstaufl. 1975), Klett-Cotta, 2009.

[6] Ebenda.

[7] Vgl. Heinz von Foerster, "On Self-Organizing Systems and Their Environments", in: M. C. Yovits and S. Cameron (Hg.), Self-Organizing Systems, Pergamon Press, London 1960.
Heinz von Foerster, "On Constructing a Reality", in: F. E. Preiser (Hg.), Environmental Design Research, Vol. 2, Dowden, Hutchinson & Ross, Stroudberg 1973.

[8] Dirk Baecker, Form der Kultur, unter: https://www.spacetime-publishing.de/luhmann/FormDerKultur2003.pdf, S.7

[9] Moritz Senarclens de Grancy: Claus Dieter Rath, Der Rede Wert. Psychoanalyse als Kulturarbeit (Turia + Kant, Wien 2013), Rezension, in: Psyche – Z Psychoanal 69, 2015, 293-294.

[10] Joachim Küchenhoff, "Das analytische Gespräch auf der Suche nach dem Sinn", in: Der Sinn im Nein und die Gabe des Gesprächs. Psychoanalytisches Verstehen zwischen Philosophie und Klinik, Verlbrück Wissenschaft, Weilerswist 2013, S. 88.

[11] Dirk Baecker, Schlüsselwerke der Systemtheorie, (2. Aufl.) Springer Verlag, 2016, S.7.

 

Die Schrift des Dr. Indra