London
Was Kinder im Kriege brauchen
Angesichts der einsetzenden Luftangriffe auf London 1940 richten Anna Freud und Dorothy Burlingham Kriegskinderheime ein, die Hampstead War Nurseries. Kinder, die heimat- oder elternlos sind oder von ihren Müttern zum Schutz allnächtlich in Schutzbunker gebracht werden müssen, sollen sicher und von den Ereignissen des Krieges so weit als möglich unbehelligt untergebracht werden. Insgesamt werden 1941 drei Kriegskinderheime eröffnet; zwei im Londoner Stadtteil Hampstead, ein weiteres in Essex.
Die Einrichtungen sind gleichzeitig auch Institute der Kinderanalyse, deren Forschungsergebnisse regelmäßig publiziert werden. Freud und Burlingham erkennen u. a., dass der zerbrochene familiäre Zusammenhalt die Kinder stärker belastet als der Krieg. Im Gegensatz zu anderen Kinderheimen werden in den Hampstead War Nurseries regelmäßige Besuche der Mütter sowie das Band unter Geschwistern besonders gefördert.
Blinde Kinder und Zwillinge aus psychoanalytischer Perspektive
Zu Dorothy Burlinghams Forschungsschwerpunkten zählen blinde Kinder und Zwillinge, bisher marginale Themen in der psychoanalytischen Literatur. Noch in Wien beobachtet und analysiert sie Schüler:innen des Israelitischen Blinden-Institutes auf der Hohen Warte. Sie erkennt bald, dass die unbewussten Vorstellungen des blinden Kindes vorwiegend auf Missverständnissen und Fehlinterpretationen der Außenwelt beruhen und nur „auf dem Umweg über sein Bewusstsein“ (Burlingham, 1914) zu erreichen sind.
In ihrer 1950 veröffentlichten Monographie Twins untersucht sie die Beziehung von eineiigen Zwillingen und deren innere Vorstellungswelten. Dabei greift sie auf Beobachtungen aus den Hampstead War Nurseries zurück. Unter den 191 Kindern der Kriegskinderheime befinden sich sechs Zwillingspaare, darunter vier eineiige. Drei davon beobachtet sie über einen längeren Zeitraum: Bert und Bill, Madge und Mary sowie Bessie und Jessie, die im Juli 1941 im Alter von knapp vier Monaten aufgenommen werden.