Frühe Schriften
Bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Kinderanalyse
Anna Freud wird mit der Arbeit „Schlagephantasie und Tagtraum“ 1922 in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Schon bald arbeitet sie mit Erwachsenen und sechs- bis zwölfjährigen Kindern. Da die jungen Patient:innen stets von ihren Eltern geschickt werden, legt sie besonderen Wert auf längere, vertrauensbildende Kennenlernphasen, um „den Entschluss zur Analyse aus einem äußeren in einen inneren zu verwandeln“ (Anna Freud, 1927).
In der Berggasse 19 trifft sie samstagabends im Rahmen eines Arbeitskreises häufig mit den Psychoanalytikern und Pädagogen August Aichhorn, Siegfried Bernfeld und Willi Hoffer zusammen, um neben pädagogischen Fragen auch Melanie Kleins Auffassungen sowie die eigene Technik der Kinderanalyse zu diskutieren. Anders als Klein ist Anna Freud der Ansicht, dass das Spiel das freie Assoziieren nicht ersetzen kann.
Mit Aichhorn, Bernfeld und Hoffer arbeitet sie später auch im Redaktionsbeirat der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, zu deren HerausgeberInnen sie ab 1931 zählt.
Neu im Fokus: Die Ich-Funktionen
Anna Freuds Bücher Einführung in die Technik der Kinderanalyse (1927) und Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen (1930) basieren auf Vorträgen und Vorlesungen. 1936 veröffentlicht sie ihre erste große eigenständige theoretische Arbeit: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Darin wendet sie sich der Instanz des Ich zu – für manche Kolleg:innen ein revolutionärer Schritt.
Das Werk gibt in zwölf Kapiteln einen Überblick über die technischen und theoretischen Entwicklungen der damaligen Zeit sowie eine Aufstellung und Beschreibung aller damals identifizierten Abwehrmechanismen. Anna Freud ordnet diese den drei Quellen der Angst zu, die ihr Vater bereits 1926 in Hemmung, Symptom und Angst beschrieben hat: Realangst, Triebangst und Über-Ich-Angst. In zahlreichen Fallbeispielen wird illustriert, wie die unterschiedlichen Arten der Angst mit den jeweiligen Abwehrmechanismen zusammenhängen. Auch der Abwehrmechanismus der „Identifizierung mit dem Angreifer“ wird hier erstmals erläutert.