SIGMUND FREUD THEMEN

 

Schon 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, rieten ausländische Freunde Freud und seiner Familie, nach England zu emigrieren. Obwohl die Gefahr des Nationalsozialismus in den folgenden 5 Jahren auch für Österreich immer bedrohlicher wurde, beschloß er mit Hinweis auf sein hohes Alter, weiterhin in Wien zu bleiben, im Glauben, daß das klerikal-faschistische Regime unter Dollfuß und "nur dieser Katholizismus uns gegen den Nazismus schützt" (Freud an Andreas-Salomé, 6.1.1935). Freilich war der Katholizismus für Freud nur angesichts des Nationalsozialismus das kleinere Übel, das er auch weiterhin einer schonungslosen Kritik unterzog.
Freud bei seiner Ankunft in Paris
Freud bei seiner Ankunft in Paris
Nach dem Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 13. März 1938 sah sich Freud und seine Familie gezwungen, das Land so rasch wie möglich zu verlassen. Schon am 15. März wurde Freuds Wohnung polizeilich durchsucht, eine Welle von Masseninhaftierungen politischer Gegner und antisemitische Ausschreitungen brach los. Anna Freud wurde einen Tag lang von der Gestapo festgehalten und verhört. In dieser Situation gelang es Freud mit Unterstützung einflußreicher ausländischer Freunde den Nationalsozialisten zu entkommen: Der amerikanische Botschafter in Paris, William C. Bullitt, ersuchte die amerikanischen Vertretungen in Berlin und Wien, sicherzustellen, daß Freud keinen Übergriffen ausgesetzt werden würde, während Ernest Jones seine politische Verbindungen nützte, so rasch wie möglich für die Familie Freud Einreise-Visas nach England zu bekommen.
Marie Bonaparte, Freud, William C. Bullitt in Paris
Marie Bonaparte, Freud, William C. Bullitt.
Empfang in Paris am Gare de l'Est
Auf England fiel die Wahl nicht nur, weil Jones die Flucht dorthin ermöglichte. In England hielt sich zu diesem Zeitpunkt bereits Freud ältester Sohn Ernst mit seiner Famlie auf und eine große Anzahl emigrierter jüdischer Analytiker aus Deutschland, durch die sich London zum neuen europäischen Zentrum der Psychoanalyse entwickelt hatte.
Es kostete lange und zähe Verhandlungen mit der nationalsozialistischen Bürokratie, bis Ausreisevisas für Freud, seine Familie, seinen Arzt und sein Hausmädchen genehmigt wurden. Bevor er allerdings das Land verlassen konnte, mußte er den Betrag von 31.329 RM, ein Drittel seines gesamten Vermögens, als sogenannte "Reichsfluchtsteuer" zahlen. Der ganze Haushalt, Freuds Antiken-Sammlung, seine Bibliothek, die Möbel und die Chouch mußten in Kisten verpackt in einem Lager zurückgelassen werden, bis sie zum Export nach England freigegeben wurden. Nach fast drei Monaten Wartezeit konnte die Familie Freud am 4. Juni 1938 endlich ihre Reise in die Emigration antreten. Zurück blieben in Wien vier Schwestern Sigmund Freuds, die alle in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet wurden.
Freud auf der Dachterasse bei Marie Bonaparte in Paris
Die Familie Freud bei Marie Bonaparte in Paris am 5. Juni 1938
Einige Monate nach seiner Ankunft in seiner neuen Heimat gab Freud BBC ein Interview, in dem er die Erfahrung seiner Vertreibung in wenige Worten faßt: "Im Alter von 82 Jahren verließ ich in Folge der deutschen Invasion mein Heim in Wien und kam nach England, wo ich mein Leben in Freiheit zu enden hoffe."
BBC-Interview am 7.12.1938
Freud während der Aufnahme des BBC-Interviews am 7.12.1938
Siehe auch:
[ CHRONOLOGIE / 1938 ] [ TOPOLOGIE / FREUD IN LONDON ] [ VIDEOTHEK ] [ AUDIOTHEK ]