II. 1939 – 1982

 

Im September 1939 brach der Krieg aus, und wenige Tage später starb Sigmund Freud. Anna hatte bereits ihre neue Praxis eröffnet und hielt Vorträge über Kinderpsychologie. Die Kinderanalyse war in den 20er und 30er Jahren noch Neuland für die Wissenschaft. Siegfried Bernfeld und August Aichhorn verfügten zwar über praktische Erfahrungen in der Kinderanalyse, doch war es Melanie Klein, die in England eine neue Theorie und Technik der Kinderanalyse entwickelte. Die Objektbeziehungen und Entwicklungsphasen des Kindes werden bei Klein zeitlich anders angesetzt als bei Anna Freud, vor allem erreicht das Kind in ihrer Auffassung das Ödipus-Stadium viel früher und seine Psyche wird durch den Todestrieb in einem weit höheren Ausmaß bestimmt als in der Wiener Richtung. Nach der Ankunft Annas in London drohte die Britische Psychoanalytische Vereinigung durch den Konflikt zwischen ihr und Melanie Klein auseinanderzubrechen. Verhindert wurde die Spaltung in den 40er Jahren durch die Bildung zweier paralleler, unterschiedlich orientierter Ausbildungsgruppen innerhalb der britischen Vereinigung.
Kinder aus der Hampstead Nursery
Kinder aus der Hampstead Nursery
Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges richtete Anna die Hampstead War Nursery ein, die mehr als 80 Kinder von alleinstehenden Eltern betreute. Sie versuchte, den Kindern ständige Bezugspersonen zur Seite zur stellen, gleichzeitig aber auch die Beziehung zu den Müttern zu fördern. Zusammen mit Dorothy Burlingham veröffentlichte sie die Studien über diese Kinder in Young Children in War-Time (dt.: Kriegskinder) und Infants without Families (dt.: Heimatlose Kinder). Rückblickend schrieb sie über ihre Zeit in der War Nursery: „Ich hatte immer großes Glück in meinem Leben. Von Beginn an war es mir möglich, mich zwischen Praxis und Theorie hin und her zu bewegen.“
Nach dem Krieg betreute sie eine Gruppe von Kindern, die ihre Eltern in Konzentrationslagern verloren hatten. Die kleinen Kinder kamen alle aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie unter extremsten Bedingungen ohne Eltern überleben mußten. Anna Freud publizierte eine Arbeit über die Fähigkeit dieser Kinder, innerhalb der Gruppe starke emotionale Bindungen zu entwickeln, unter dem Titel Experiment in Group Upbringing (Dt.: Gemeinschaftsleben im frühen Kindesalter).
1947 gründete sie gemeinsam mit Kate Friedländer die Hampstead Child Therapy Courses, die nach fünf Jahren um eine Kinderklinik erweitert wurden. Durch die Ausbildung von englischen und amerikanischen Kinderanalytikern gewann sie auf diesem Gebiet rasch an Einfluß. „Die Hampstead Clinic wurde manchmal Anna Freuds Großfamilie genannt“, berichtete eine ihrer Mitarbeiterinnen, „und so fühlten wir uns auch, mit all den Ambivalenzen, die eine solche Bezeichnung beinhaltet.“ An der Klinik hielten Anna Freud und ihre Mitarbeiter jede Woche ihre Seminare, in denen sie anhand einzelner Fälle Gelegenheit zu theoretischen und klinischen Einblicken in ihre Arbeiten boten. Sie entwickelten eine Technik, durch die sich der kindliche Entwicklungsstand von „der Abhängigkeit bis zur emotionalen Selbständigkeit“ graduell ermitteln ließ und diagnostische Profile, die Entwicklungsstörungen erkennbar machen sollten. In ihrem Buch Normality and Pathology in Childhood (dt.: Normale und pathologische Kinderentwicklung) gibt sie einen Überblick über ihre Studien an der Hampstead Nursery, an der Well Baby Clinic, der Nursery School, den War Nurseries und einigen anderen Kinderbetreuungseinrichtungen. Bei allen ihren analytischen Arbeiten mit Kindern in diesen Institutionen waren es die Übertragunssymptome, die für Anna Freud den „Königsweg zum Unbewußten“ eröffneten.
Anna Freud mit A. Aichhorn
Anna Freud mit A. Aichhorn
Von den 50er Jahren bis zu ihrem Lebensende fuhr Anna Freud regelmäßig nach Amerika, um dort zu unterrichten und Freunde zu besuchen. Während der 70er Jahre beschäftigte sie sich mit verwahrlosten und sozial benachteiligten Kindern, über deren Entwicklungsdefizite und -chancen sie mehrere Studien verfaßte. Auf der Yale Law School gab sie Seminare über Kriminalität und Familie, die zur Zusammenarbeit mit den Amerikanern Joseph Goldstein und Albert Solnit führten. Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Arbeiten zu Justiz und Familie publizierten sie gemeinsam in Beyond the Best Interests of Child (dt.: Jenseits des Kindeswohls).
Anna Freud in den 50ern
Anna Freud in den 50ern
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Anna Freud eine ganze Reihe von Ehrendoktoraten, beginnend 1950 mit der Clark University (wo ihr Vater 1909 Vorlesungen hielt) bis zu Harvard im Jahre 1980. 1972 würdigte sie auch ihre Geburtsstadt Wien mit einem Ehrendoktorat für Medizin. Die Ehrungen, die sie erfuhr, wollte sie nicht als Würdigung ihrer Person betrachten, sondern wie ihr Vater als Anerkennung der Psychonalyse als solcher. Mit einer Mischung aus Ironie und Humor kommentierte sie einmal eine solche Verleihung damit, daß die vielen feierlichen Festreden auf ihre Leistungen ihr unweigerlich das Gefühl vermittelten, bereits nicht mehr zu den Lebenden zu gehören.
Anna Freud und Dorothy Burlingham 1972 in Wien
Anna Freud und Dorothy Burlingham 1972 in Wien
Die Veröffentlichung ihrer gesammelten Schriften begann 1968, nach ihrem Tod im Jahre 1982 erschienen die letzten Bände. Auf ihren Wunsch wurde ihr Haus in Maresfield Gardens, wo sie ihren Vater bis zu seinem Tod betreut und gemeinsam mit ihrer Freundin Dorothy Burlingham mehr als 40 Jahre gelebt hatte, 1986 zu einem Museum umgestaltet.
Anna Freud widmete ihr ganzes Leben der Fortführung jenes intellektuellen Abenteuers, das ihr Vater begonnen hatte. Dabei schlug sie mitunter neue Wege ein, auf denen sie psychoanalytische Erkenntisse mit sozialen Problemen verknüpfte und zu neuen Lösungsversuchen gelangte. Über sich selbst sagte sie am Ende ihres Lebens: „Ich glaube nicht, daß ich ein guter Gegenstand für die Biographen bin. Nicht aufregend genug. Alles, was man über mich sagen kann, läßt sich in einen Satz zusammenfassen: Sie verbrachte ihr Leben mit Kindern.“