I. 1895 – 1938

 

Anna Freud wurde am 3. Dezember 1895 als jüngstes von sechs Kindern von Sigmund und Martha Freud geboren. Sie war nach den Berichten ihres Vaters ein lebhaftes und untrernehmungslustiges Kind, das „geradezu schön wird vor Schlimmheit", wie Freud an seinen Freund Fließ 1899 schrieb. Anna schloß ihre Schulbildung am Cottage Lyzeum in Wien 1912 ab, ohne zunächst an eine weitere Berufskariere zu denken. Nach einer Englandreise, die sie durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges abbrechen mußte, arbeitete sie in Wien an ihrer ehemaligen Schule als Lehrerin. Eine ihrer Schülerinnen erinnert sich an sie als Lehrerin: „Sie hatte uns besser im Griff als alle anderen älteren Kolleginnen".
Anna Freud als Lehrerin
Anna Freud als Lehrerin
Mit 15 las sie bereits die Werke ihres Vaters, doch erst 1918, als sie ihre Analyse bei ihrem eigenen Vater begann, wird ihre Verbindung zur Psychoanalyse enger. Von seinem eigenen Vater analysiert zu werden, bedeutete zu diesem Zeitpunkt, als noch keine genauen Regeln für die psychoanalytische Praxis definiert waren, nichts außergwöhnliches.
Anna Freud mit 15
Anna Freud mit 15
1920 besuchte sie gemeinsam mit ihrem Vater den Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Den Haag. Beide teilten jetzt sowohl die Freunde wie die Arbeit. Eine solche geimsame Freundin war die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, zu deren Verehren einmal Nietzsche und Rilke zählten und die in den 20er Jahren zur Vertrauten Annas wurde. Durch sie lernte Anna auch Rilke kennen, dessen Poesie sie tief bewunderte. Ihr literarisches Interesse war es auch, das ihr den Weg zur Psychoanalyse vermittelte. „Je mehr ich mich für die Psychoanalyse interessierte", schrieb sie, „desto mehr sah ich in ihr einen Weg zu jenem breiten und tiefen Verständnis der menschlichen Natur, wie es die Schriftsteller besitzen".
1922 hielt sie den Vortrag „Über Schlagephantasien und Tagträume" in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, wo sie kurze Zeit später als Mitglied aufgenommen wurde. 1923 öffnete sie ihre eigene psychoanalytische Praxis für Kinder in der Berggasse 19, und zwei Jahre später hielt sie ein Seminar am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung über die Technik der Kinderananlyse. Ihre Arbeiten faßte sie 1927 in ihrem ersten Buch Einführung in die Technik der Kinderanalyse, einer Vorlesungsreihe für Lehrer und Eltern, zusammen. Später wird sie über ihre erste Zeit als Analytikerin sagen: „Wir waren alle aufgeregt und voller Energie: Es war, als ob ein ganzer neuer Kontinent entdeckt würde, und wir alle wären die Entdecker und hätten jetzt die Chance, die Dinge zu ändern ..."
Anna Freud mit Fahrrad
Als Sigmund Freud 1923 an Krebs erkrankte, wurde er zunehmend angewiesen auf Annas Hilfe und Pflege. Sie begleitete ihn auf seinen Reisen nach Berlin, wo er sich zahlreichen Operationen unterziehen mußte. Als engste Vertraute Freuds wurde sie nach dem Tod Anton von Freunds in das „Geheime Komitee" aufgenommen und erhielt wie alle anderen Mitglieder als Zeichen der Treue einen Ring von Freud geschenkt.
Anna mit 'Wolf'
Anna mit "Wolf"
Von 1927 bis 1934 war Anna Generalsekretärin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Ihre Praxis als Kindernanalytikerin florierte, sie hielt Seminare, organisierte Konferenzen und pflegten zu Hause ihren Vater. Bei öffentlichen Veranstaltungen trat sie als seine Stellvertreterin auf, wie bei der Feier in seiner Geburtstadt Freiberg und dem Goethe-Preis in Frankfurt.
1935 wurde Anna Leiterin des Wiener Lehrinstituts. Im Jahr darauf veröffentlichte sie ihre einflußreiche Arbeit Das Ich und die Abwehrmechanismen, ein Buch über die „Mittel, mit denen das Ich sich gegen Unlust und Angst verteidigt". Durch die Betonung der Ich-Funktionen bewegte sie sich in dieser Arbeit weg von den traditionellen Grundlagen der Psychoanalyse wie der Triebtheorie und schuf damit die Basis der späteren Ich-Psychologie. Das Exemplar, das sie ihrem Vater zu dessen 80. Geburtstag schenkte, trug die Widmung: „Das Bücherschreiben als oberstes Abwehrmittel gegen die Gefahren von innen und außen."
Angesichts der sich in den 30er Jahren zusehends verschlechternden politischen und ökonomischen Situation engagierten sich Anna und ihre Freundin Dorothy Burlingham in wohltätigen Projekten. 1937 bot sich ihnen die Gelegenheit, soziale Hilfe mit ihrer analytische Arbeit zu verbinden: Mit den Geldern der Amerikanerin Edith Jackson gründeten sie einen Kindergarten für Kleinkinder aus armen Familien. Diese „Jackson Nursery" war der ideale Ort, um kindliches Verhalten zu beobachten und Experimente, die die Eßgewohnheiten positiv beinflussen sollten, durchzuführen. Den Kindern wurden im Gegensatz zu traditionellen Kindergärten große Freiräume zugestanden. Obwohl einige der Eltern weit unterhalb der Armutsgrenze lebten, waren die Mitarbeiter der Jackson Nursery, wie Anna schrieb „sehr beeindruckt, daß sie ihre Kinder deshalb zu ihnen brachten, nicht weil sie tagsüber mit Nahrung und Kleidung versorgt wurden, sondern weil sie ´so viel lernten´, d.h. sie lernten, sich frei zu bewegen, selbständig zu essen, zu sprechen usw. Zu unserem eigenen Erstaunen war das für die Eltern wichtiger als alles andere."
Aber nach wenigen Monaten schon, im März 1938, mußte die Jackson Nursery schließen, Österreich wurde dem nationalsozialistischen Deutschland angeschlossen, und die Familie Freud mußte trotz des schlechten Gesundheitszustandes von Sigmund Freud flüchten. Durch die tatkräftige Unterstützung von Ernest Jones und Prinzessin Marie Bonaparte erhielten sie die notwendigen Ausreisepapiere. Bevor die Familie Freud jedoch das Land verlassen konnte, mußte Anna alle Verhandlungen mit der Bürokratie der neuen Machthaber führen und die Emigration der Familie nach London organisieren. In England angekommen, schrieb sie über ihre neue Heimat: „England ist wirklich ein zivilisiertes Land", schrieb sie, „und ich bin dankbar, daß wir hier sein können."