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  Die Couch. Vom Denken im Liegen
Sigmund Freud Museum
5. Mai 2006 - 5. November 2006

Ein einfaches Möbelstück ist zum Synonym für die Psychoanalyse geworden. Die Ausstellung folgt den verschiedenen Bedeutungslinien, die sich an diesen alltäglichen Einrichtungsgegenstand knüpfen. Wie kein zweites Möbelstück eröffnet die Couch ein weites Spektrum zwischen Träumen und Wachen, zwischen Ausschweifung und moralischer Kontrolle. Sie dient als therapeutisches Instrument, als Ort der freien Assoziation und als Vehikel poetischer Produktion. Im Liegen geraten mitunter die klaren Gewissheiten des Denkens aus dem Lot und in das Halbdunkel des Dämmerzustandes, in die betäubende Wirkung des Schlafes oder in die Niederungen illegitimer Sexualität.

Die Ausstellung durchmisst mit den Mitteln der Wissenschaft, der Kunst und Literatur die Gedankenräume, die im Liegen entstehen. Die Psychoanalyse wird auf diese Weise mit künstlerischen und wissenschaftlichen Experimenten auf der Couch, aber auch mit der Geschichte eines Möbels verknüpft. Die horizontale Körperhaltung, zu der das Möbel einlädt, bildet zeitgleich mit Freud eine Versuchsanordnung ästhetischer Produktivität. Auf dem Diwan überlässt sich die Kunst Momenten der Abwesenheit, an liegenden Figuren demonstriert der Surrealismus aber auch medizinische oder soziale Disziplinierungsmaßnahmen.

In der Psychiatrie des späten 19. Jahrhunderts wurden Liegekuren als zentrale Behandlungsmethoden für Nervenkrankheiten entwickelt. Dem Wiener Nervenarzt Sigmund Freud ging es hingegen nicht um eine am Körper ansetzende Therapie, sondern um die Analyse von Assoziationen und Phantasien, die in entspannter Haltung, im Liegen entstehen. Der Diwan wird dabei zum Teil einer Anordnung, in der nach Aufschlüssen über die Ursachen von Neurosen gesucht wird. Von der Couch aus lassen sich auch Fragen über den heutigen Stand der Psychoanalyse stellen: Ist die Couch für die Psychoanalyse der Gegenwart noch von Bedeutung? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede weist ihre Praxis mit der vor 100 Jahren auf? Was macht heute eine Analyse aus?

Die Ausstellung über die Couch ist ein Versuch, jenseits von Geniekult und stereotyper Freud-Kritik den Blick auf ein scheinbares Detail zu richten. Gerade die Aufmerksamkeit auf Nebensächlichkeiten hat nicht zuletzt Freud als methodisches Prinzip empfohlen.

Präsentiert wird "Die Couch" in den Räumen des Sigmund Freud Museums und in einer Wohnung im ersten Stock des Hauses, die erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Gezeigt werden verschiedene Liegemöbel, wobei die Bandbreite vom hölzernen Diwan der Weltausstellung 1873 bis zum Ruhebett nach einem Entwurf von Otto Wagner reicht. Patentmodelle der Jahrhundertwende demonstrieren die aufkommende Diskussion um Ergonomie und Erholung. Gebrauchsgegenstände und Abbildungen aus dem ehemaligen Sanatorium Purkersdorf und der Heil- und Pflegeanstalt Baumgartner Höhe erzählen ebenso wie historische Psychiatriefilme von den Heilbehandlungen zur Zeit Freuds und stehen im Kontrast zu dessen Arbeits- und Behandlungszimmer, in dem Antiken und orientalische Teppiche die PatientInnen erwarteten. Ausschnitte aus Interviews mit PsychoanalytikerInnen über den aktuellen Gebrauch der Couch leiten zusammen mit Fotos von Shellburne Thurber zur aktuellen Praxis der Psychoanalyse über. Arbeiten von Paul Gavarni, Félix Vallotton, Man Ray, Max Ernst, Andy Warhol, Rachel Whiteread und Spencer Finch demonstrieren die Überführung der Couch vom bürgerlichen Interieur in das Blickfeld der Avantgarde und der aktuellen Kunst.


Konzept: Lydia Marinelli
unter Mitarbeit von Thomas Hübel, Birgit Johler
Kuratorische Betreuung Kunstsektion: Ralph Ubl, Barbara Wittmann
Ausstellungsorganisation: Birgit Johler
Beratung: Dario Gamboni (Genf), Irene Chambers (Washington), Michel Tort (Paris), Ralph Ubl (Basel), Barbara Wittmann (Berlin)
Partner: Freud Museum London, Filmarchiv Austria, unterstützt vom Kunsthistorischen Museum
Presse: Sigmund Freud Privatstiftung
Ausstellungsinstallation, Folder-Grafik: Abbott Miller, Pentagram
Kataloggestaltung: Abbott Miller, Ausführung: Richard Ferkl

Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiger Band im Verlag Prestel.
Pressespiegel