Der Widerstreit der Erinnerungen
Ein Themenherbst 2005 veranstaltet von IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften und Sigmund Freud Privatstiftung
60 Jahre nach Kriegsende und 10 Jahre nach dem EU-Beitritt stellen sich für Österreich die Fragen nach dem Umgang mit der jüngeren Vergangenheit nicht nur in einem engen nationalen Rahmen, sondern gleichermaßen als eine lokale wie internationale Themenstellung. Lokal zeigt sich trotz Restitutionsbemühungen und Einbekennung einer Mitschuld Österreichs an der Shoah nach wie vor das Problem einer höchst ambivalenten Erinnerungskultur, die ständig mit einem "Aber" und einem nur schlecht getarnten Opfermythos agiert. International zeigt sich das Problem, dass die kollektive Erinnerung an Holocaust und Genozid zwar als Herausforderung europäischer Politik formuliert wurde, aber – wie das Blutbad am Balkan und die jüngsten Vorfälle von Rassismus und Antisemitismus gezeigt haben – als europäische Erinnerungskultur offenbar nicht ausreichend wirkungsmächtig wurde.
Die Veranstaltungsreihe des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften und der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien unter dem Titel "Der Widerstreit der Erinnerungen" sucht die Fragen des Eingedenkens der Opfer der Nazi-Vernichtungsmaschinerie in einen vergleichenden Zusammenhang zu stellen. Dieserart sollen die komplexen Fragen der Gedächtnispolitik aus dem Korsett österreichspezifischer Befindlichkeiten und Ausblendungen gelöst werden. Im Vergleich mit den Gedächtnispolitiken anderer Staaten und im Rekurs auf den Krieg ethnischer Gedächtniskulturen auf dem Balkan wird daher ein Doppeltes geleistet: Zum einen geht es dabei um eine kritische Distanz zu den Moralisierungen des Gedächtnisdiskurses; zum anderen soll ein Plädoyer dafür abgegeben werden, dass eine demokratische Bewältigung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen im 21. Jahrhundert ohne ein umfassendes Wissen der tieferen strukturellen Ursachen der Menschheitskatastrophe im 20. Jahrhundert nicht machbar ist. Damit Wissen auch zu einem nachhaltig bewegenden Moment wird, vereint die Veranstaltungsreihe transdisziplinär Wissenschaft, Architektur, Literatur und Musik.