„ein ursprünglicher Zusammenhang unauffindbar gemacht“ - Freuds Gedächtnismodelle zwischen Ars memoria, Assoziationspsychologie und Hirnforschung

Vortrag von Erik Porath

3. November, 20 Uhr, Sigmund Freud Museum, Lounge

Eintritt frei, um Anmeldung wird untenstehend gebeten
 


Ausgangspunkt des Vortrags ist die Radikalität der Freudschen Auffassung von verdrängten und entstellten Erinnerungen – sie kann nur verständlich gemacht werden im Lichte der bis in die Antike zurückreichenden Vorgeschichte des Nachdenkens über das Gedächtnis. Sigmund Freud entwickelt seine Auffassung von Erinnerung und Gedächtnis, indem er sowohl Traditionsbestände aus der antiken Ars memoria und der Rhetorik als auch Elemente der Assoziationspsychologie des englischen Empirismus und der zeitgenössischen Hirnforschung kritisch verarbeitet (insbesondere in seiner Schrift Zur Auffassung der Aphasien, 1891).

Im Unterschied aber zu einer mnemotechnischen Bemeisterung des Erinnerns durch Merkregeln (in der Ars memoria) oder zu einer Domestizierung des menschlichen Erinnerungs- und Vorstellungsvermögens durch Assoziationsgesetzmäßigkeiten (in der empiristischen Assoziationspsychologie) interessiert sich Freud für die Ausnahmezustände der Seele, die – so seine wirkmächtige Erkenntnis – mit der Problematik des Gedächtnisses zusammenhängen. Beispielsweise sind die hysterischen Neurosen nicht vornehmlich erblich oder organisch bedingt, sondern lassen sich auf psychogene Traumata zurückführen, die aus Erlebnissen in der Lebensgeschichte der Erkrankten hervorgehen.

Freud entwickelt sein Verfahren zur Erforschung des Seelenlebens, genannt Psychoanalyse, als Assoziationsmethode und -theorie, die es erlaubt, Symptome durch das Auffinden von Erinnerungen zu behandeln. Neben dieser Praxis der Erinnerungsarbeit hat Freud ein theoretisches Modell des psychischen Apparats entwickelt, in dem das Gedächtnis eine notwendige Bedingung (Speicherung von Erfahrung) und zugleich ein zentrales Problem darstellt – die zeitweilige oder dauerhafte Unerinnerbarkeit des Gespeicherten: „Bewußtsein und Gedächtnis schließen sich nämlich aus.“ (Entwurf einer Psychologie, 1895) Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Gedächtnismodelle widmet sich der Vortrag diesem Freudschen ‚Gedächtnis des Unerinnerbaren‘.

Erik Porath ist Philosoph, Medienwissenschaftler und Künstler. Studium in Hamburg, Promotion 2004 in Basel mit der Arbeit Gedächtnis des Unerinnerbaren. Philosophische und medientheoretische Untersuchungen zur Freudschen Psychoanalyse (Bielefeld: transcript 2005). Mitgründer der Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse (AFP). Mitarbeiter des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), Berlin 2001-2010, dort Co-Leiter des Projekts ‚Ausdrucksgebärden zwischen Evolutionstheorie und Kulturgeschichte‘ am (2008-2010). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Ausdruckstheorien, Gedächtnistheorie, Medientheorie, Begriffs- und Wissenschaftsgeschichte, Psychoanalyse. Er arbeitet z. Zt. als freier Autor und bildender Künstler in Berlin. Publikationen: Kinästhetik und Kommunikation: Ränder und Interferenzen des Ausdrucks, Berlin: Kadmos: 2013 (zusammen mit Tobias Robert Klein); Arbeit (in) der Psychoanalyse, Bielefeld: transcript: 2012 (zusammen mit Anna Tuschling); Figuren des Ausdrucks. Formation einer Wissenskategorie zwischen 1700 und 1850, München: Fink: 2012 (zusammen mit Tobias Robert Klein); Ränder der Enzyklopädie, Merve-Verlag: Berlin 2012 (zusammen mit Christine Blättler); Kontaktabzug. Medien im Prozeß der Bildung, Berlin,Wien: Turia + Kant 2001 (zusammen mit Karl-Josef Pazzini, Susanne Gottlob).

 

Eine Veranstaltung aus dem Rahmenprogramm zur Ausstellung:

Setting Memory - Bettina von Zwehl & Paul Coldwell

Sonderausstellung im Sigmund Freud Museum
7. Oktober 2016 – 22. Jänner 2017

Foto: Detailansicht der Ausstellung "Setting Memory - Bettina von Zwehl & Paul Coldwell", Brief von Sigmund Freud an Wilhelm Fließ vom 6.12.1896

 

                  

 

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