Diesseits und jenseits des Traums
100 Jahre Jacques Lacan
 



 

Eine Ausstellung der Neuen Wiener Gruppe/Lacan Schule im Sigmund Freud-Museum Wien, 29.11.2001 - 27.1.2002

Kuratoren
Brigitte Huck, August Ruhs

Der erste Teil der Ausstellung mit VALIE EXPORT, Marina Grzinic und Ingrid Wiener fand im September 2001 in der Galerie Charim, Wien, statt.

Brigitte Huck, August Ruhs: Diesseits und jenseits des Traums. 100 Jahre Jacques Lacan. In: Newsletter des Sigmund Freud-Museums 2/2001, S. 27-30.

Was wir Dinge nennen, sind Reste, die sich der
Beurteilung entziehen.
S. Freud, 1895

Der Exzentriker Jacques Lacan (1901–1981) hat mit seinem Denk- und Lehrgebäude, das in
den dreißiger Jahren begründet worden war und das vor allem durch die Begegnung mit dem
französischen Strukturalismus zu seiner vollen Entfaltung gelangte, nicht nur die klinische Psychoanalyse in Theorie und Praxis entscheidend und nicht unumstritten beeinflusst, sondern er hat auch neue Sichtweisen auf kulturelle und gesellschaftliche Phänomene, soweit diese mit psychoanalytischen Frage- und Problemstellungen verbunden sind, eröffnet. Insbesondere durch eine als genuin psychoanalytisch zu bezeichnende Medientheorie wurden sowohl in den Bereichen der Alltagskultur als auch in allen Bereichen künstlerischen Schaffens und seiner Rezeption neue Erfahrungen und Erkenntnisse möglich, wobei in einer rückwirkenden Bewegung die entsprechenden Theoriekonzepte auch das Kunstschaffen beeinflusst haben.

Das zweiteilige Ausstellungsprojekt, dessen erster Teil bereits im September in der Wiener Galerie Charim realisiert worden ist, befasst sich anhand des Themas Traum mit der letzten Schaffensperiode Lacans, welche nach der Arbeit an den Repräsentanzen unserer Innen- und Umwelt im Sinne von Bild (Imaginäres) und Sprache (symbolische Ordnung) einer Theorie des letztlich nicht repräsentierbaren Realen gewidmet ist. Mit dieser Kategorie des Unmöglichen, die sowohl Grenze als auch Schwelle des Lebens bedeutet und die dem aristotelischen Tychischen anzunähern ist, kennzeichnet sich nicht nur ein Jenseits des Lustprinzips mit seiner Mechanik der Wiederholung, sondern auch die Sehnsucht und die Suche nach dem Wiederfinden eines Erlebens, das als solches nie stattgefunden hat.

In diesem Zusammenhang entwickelt Lacan an Freudschen Ansätzen weiterwirkend eine Konzeption des „Dings“, welches den Objekten vorausgeht und dem Ur-Grund der Erfahrung von Gegenständen und Sachverhalten entspricht. In diese Bereiche mündet auch der Traum, und zwar an dem Punkt, an dem er sich jeder weiteren Deutung verweigert. Freud hat dies den Nabel des Traums genannt, Lacan hat versucht, durch Anleihen von Mathematik und Topologie die Koordinaten dieses Raums des Realen auszumessen. Die Kunst hat ebenfalls immer schon versucht, über das Manifeste (auch des Traums) hinauszugehen und jene Tiefen auszuloten, von welchen man sich genau genommen keine Vorstellungen machen kann und die einem Unbewussten im strengsten Sinn des Wortes entsprechen.

„Diesseits und jenseits des Traums“ ist somit auch eine Beschäftigung mit dem Manifesten und Latenten in der Kunst, mit den gleichermaßen mühevollen künstlerischen Versuchen, sowohl den Traum als auch das „hinter“ ihm Liegende bildnerisch und sinnlich erfahrbar einzufangen.

Einen Schwerpunkt der Ausstellung im Sigmund Freud-Museum, die am Donnerstag, dem 29. November 2001, um 19 Uhr eröffnet wird, bilden Arbeiten einer jüngeren Künstlergeneration aus Ljubljana, die enge Beziehungen zu der von Slavoj Z¡iz¡ek angeführten so genannten Laibacher Lacan-Gruppe unterhält (Marina Grzinic, IRWIN).

Ausgehend von Lacans Beschäftigung mit Topologie und Nodologie und seinen Versuchen, mit Knoten, Bändern, Ketten und Ringen Modelle des psychischen Apparats zu entwickeln, die im Gegensatz zu neuropsychologischen Überlegungen den Strukturen subjektiven Erlebens Rechnung tragen, werden ähnlich motivierte aktuelle Arbeiten gezeigt, die sich auf ein Jenseits der Träume, der Bilder und der Zeichen beziehen. Werke von Ecke Bonk, Inés Lombardi, Peter Kogler, Walter Obholzer, François Rouan und Cerith Wyn Evans werden den Darstellungen und Skizzen Lacans gegenübergestellt, wodurch sich auch ihre historischen und theoretischen Aspekte freilegen lassen. Weitere Beispiele künstlerischer Assoziationen zur Frage nach der anderen Seite des Traums sind der Videofilm „Kitsune“ des portugiesischen Künstlers Joao Penalva, eine interaktive Computerarbeit von Peter Weibel sowie Beiträge von Heinz Frank und Dimitri Gutow. Arbeiten von Constanze Ruhm, Brigitte Mayer und Nives Widauer sollen schließlich den Besucher wieder zu den sinnlicheren Kategorien des Träumens zurückführen.


Ausstellungsbesprechung

Die Springerin, VIII 1/02, S. 69-70 (pdF):
Diesseits und jenseits des Traums. 100 Jahre Jacques Lacan, Susanne Neuburger.