Zu Gast im Sigmund Freud-Museum: Julius Deutschbauer - Bibliothek der Ungelesenen Bücher
 









Sigmund Freud-Museum Wien, 5.4. - 10.6.2001

Seit fast vier Jahren betreibt der Künstler Julius Deutschbauer eine Bibliothek im Dienste des ungelesenen Buches. Als Archivarius hat er über 400 Bücher zusammengetragen, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, daß ihre jeweiligen Besitzer sie gerne einmal gelesen hätten, doch es beim bloßen Vorsatz blieb. Die Bibliothek ungelesener Bücher, die seit 1997 an verschiedenen Orten, darunter in der Kunsthalle Wien und den Hamburger Kammerspielen, ihre Bestände potentiellen Lesern anbietet, war von 5. April bis 10. Juni zu Gast im Sigmund Freud-Museum.

Die Vorstellung, daß heute die Zahl der Bücher, die nicht gelesen werden, die Zahl der gelesenen um ein vielfaches übertrifft, hat Deutschbauer dazu veranlaßt, die mobile Bücherkammer einzurichten. Zwischen zwei gegensätzlichen Vorbildern schwankt Deutschbauers bibliophile Tätigkeit: eine Reverenz erweist er seinem Berufskollegen aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, der aus Prinzip kein Buch liest, weil "wer sich auf den Inhalt einlasse, verloren sei", eine zweite dem servilen Bücherwurm aus James Joyces Ulysses, für den das Sprechen über Bücher Glückseligkeit herbeizaubert.

Bildet bei Freud der Wunsch die Triebfeder des nächtlichen Traums, so versucht Deutschbauers Bibliothek Lektürewünsche bei Tag interpersonell zu erfüllen: Jeder Benutzer der Bibliothek erweist sich als Erfüllungsgehilfe eines verschobenen Wunschprinzips, indem er den Lektürewunsch eines anderen realisiert. Mitunter ist der Bibliothekar, ausgerüstet mit einem grauen Hausmeistermantel, im Ausstellungsraum des Sigmund Freud-Museums anwesend und leistet Assistenz bei Salonplaudereien über Bücher, die nur vom Hören-Sagen bekannt sind. Mit jedem Gesprächspartner, den Deutschbauer zur Bücherspende einlädt, führt er ein Interview über dessen ungelesenes Buch, das er für seine "Bibliothekografie" auf Minidiscs aufzeichnet. Die Gespräche können, so vermerkt es die Besucherordnung, nach Bedarf vorgespielt werden. Deutschbauers Unternehmen kommt ganz ohne moralischen Fingerzeig auf peinliche Bildungslücken aus, vielmehr geht es ihm um eine Dokumentation von Büchern, die noch nicht durchs Lesen zur Strecke gebracht worden sind.

In seinen Interviews, die geradeso wie der Mann ohne Eigenschaften stets mit einem Bericht zur aktuellen Wetterlage ansetzen, kursiert das Buch als libidinöser Gegenstand, als Gerücht, Mutmaßung, schlechtes Gewissen oder einfach als beiläufiges Übergangsobjekt, um von etwas ganz anderem sprechen zu können.
Die genaue Aufzeichnung der Gespräche über Ungelesenes entspricht der peniblen, dem Staub der Zeit trotzenden Logik des Archivs, die in diesem Fall buchhalterisch den Überschuß an gedrucktem Wissen als individuelle Leerstelle registriert. Alphabetisch aufgestellt nach den Namen der Menschen, die das Buch nicht gelesen haben, kommentieren die Bände ironisch die klassifikatorischen Weltordnungen archivarischer Speicher. Ein und derselbe Autor kann in dieser Logik gleichermaßen Erfassungsprinzip und erfaßter Gegenstand sein: H.C. Artmann, so geht aus dem Stempel eines der ersten Bücher hervor, hat Robert Musils Mann ohne Eigenschaften niemals aufgeschlagen, reiht sich jedoch genauso unter die ungelesenen Autoren, wie seine in den Regalen stehende Gesammelte Prosa bezeugt. Überhaupt zählt Musils umfangreicher Roman in der Bibliothek ungelesener Bücher zu den präsentesten Titeln. Gerne gelesen hätten ihn auch Psychoanalytiker wie August Ruhs, der sich den Wunsch bislang versagt hat.

Deutschbauer beläßt es nicht bei seinen an modernen Vermittlungsangeboten geschulten Bibliotheksgesprächen. Die Mischung aus kärglicher Bibliotheks- und biederer Wohnzimmeratmosphäre, die sich sein Interieur zunutze macht, wird noch auf andere Weise im Stile einer "living library", wie eine Bezeichnung der Museumspädgogik lautet, mit Leben erfüllt. Gelegentliche Lesezirkel, für die Handarbeitsrequisiten bereitgehalten werden, widmen sich etwa Themen wie "letzte Sätze", in denen die Schlußzeilen der gesammelten Bücher zur Verlesung gebracht werden. Für das Sigmund Freud-Museum produzierte Deutschbauer ein eigenes Video, das den Benützern der Bibliothek ungelesener Bücher während der Öffnungszeiten des Museums gezeigt wird.