Sigmund Freud Vorlesung
 




Michel Tort: Der Vater in der Psychoanalyse: Ende eines Dogmas
Sigmund Freud Museum, 6. Mai 2005

Die Rede vom Niedergang des Vaters stellt einen Gemeinplatz dar: Die anwachsende Macht der furchteinflößenden Mütter unterwandert ödipale Strukturen. Diese Diagnose bezüglich des Versagens der Vaterfunktion wird im Namen der Psychoanalyse erstellt.

Im Vortrag wird dem entgegen dafür plädiert, dass "der Vater" in Wirklichkeit ein historisches, untrennbar mit den traditionellen Formen männlicher Vorherrschaft verbundenes Konstrukt ist, das den Vätern das Monopol der symbolischen Funktion gesichert hat. Diese Figur, die sich seit dem Beginn der Moderne in einer Krise befindet, weicht in den gegenwärtigen demokratischen Gesellschaften neuen Arrangements von Elternschaft. Diese Perspektive setzt eine andere Konzeption des Verhältnisses zwischen Geschichte, Politik und Psychoanalyse voraus, nämlich eine, die akzeptiert, dass die Formen der Subjektwerdung historisch bedingt sind und von den Machtbeziehungen zwischen den Geschlechtern abhängen. Diese Sicht impliziert eine kritische Neuüberprüfung der Freudschen und Lacanschen Fassungen des Vaters, die eine spezielle historisch bedingte Version von Ödipus entfalten - den "Ödipus mit väterlicher Lösung", dessen Tage gezählt sind. Von der anti-väterlichen Jugendbewegung, die 1968 namensgebend wurde, bis hin zur Debatte über väterliche Gewalttätigkeiten geht es darum, die wichtigsten Aspekte des Versagens der väterlichen Lösung(insbesondere den Verlust der Herrschaft über die Fortpflanzung) wie auch ihre Restaurationsversuche und die Erfindung neuer Subjektwerdungen kenntlich zu machen, die mit den neuen Geschlechterverhältnissen verbunden sind.

Michel Tort ist Professor an der Universität VII von Paris und seit 1975 praktizierender Psychoanalytiker. Er studierte Philosophie an der École Normale- Supérieure und forschte am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). Zahlreiche Publikationen, u.a. "Le Quotient intellectuel" (F. Maspero), 1974 und "Le désir froid: Procréation artificielle et crise des repères" (Éd. La Découverte), 1992. Das Buch "Fin du dogme paternel" erschien 2005 beim Verlag Aubier - Flammarion.

Eine Veranstaltung der Sigmund Freud Privatstiftung

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