|
Dr. ISABELLE CAROL NOTH (Universität Bern)
Auf Pfisters Couch. Albert Schweitzer und die Psychoanalyse
Donnerstag, 22. November 2007, 18 Uhr
Lounge Berggasse 19
Sigmund Freud Museum
"Verehrter lieber Herr Pfister
Tausend Dank für die Übersendung Ihrer beiden Schriften. Ich habe die Arbeit bei Seite gelegt und beide in einem Zuge gelesen. Sie können denken, wie sie mich als Theologen und als Arzt gefesselt haben. Bei Ein neuer Zugang ist mir erst klar geworden, wie Sie die Psychoanalyse in der Seelsorge verwendet wissen wollen und viele Bedenken, die ich früher hatte, sind dadurch zerstreut, dass ich nun sehe, welche Fälle Sie in Betracht ziehen. (...)
Noch eine Bitte. Seien Sie so gut mich von allem auf psychoanalytischem Gebiete Wichtigen auf dem Laufenden zu erhalten (...)." (Schweitzer an Pfister, 22. Oktober 1920)
So beginnt der erste uns erhaltene Brief Albert Schweitzers (1875-1965) an Oskar Pfister (1873-1956). Dass der berühmte Urwald-Doktor mit dem umtriebigen Zürcher Pfarrer und Analytiker über Jahrzehnte hinweg korrespondierte, war vielen bisher unbekannt. Der Briefwechsel lag über fünfzig Jahre lang in den Archives centrales Albert Schweitzer in Günsbach im Elsaß brach. Im vergangenen Jahr ist er nun im Beck-Verlag in einem beträchtlichen Konvolut neben anderen Quellen veröffentlicht worden. Fast vierzig Schreiben, die sich über einen Zeitraum von dreissig Jahren erstrecken, sind nach heutigem Wissensstand erhalten geblieben. In einem ebenso langen schriftlichen Austausch stand Oskar Pfister mit Sigmund Freud, der ihn als "halb Heiland, halb Rattenfänger" bezeichnete.
Im selben Jahr 1913, in dem Schweitzer seine Leben-Jesu-Forschung veröffentlichte, übergab Pfister die erste psychoanalytische Systematik mit einem Vorwort Freuds versehen der Öffentlichkeit. Der Briefwechsel gibt nicht bloss Einblick in eine spezielle Freundschaft und in die Entstehungsbedingungen von Schweitzers weltberühmter Erzählung Aus meiner Kindheit und Jugendzeit von 1924, sondern wirft auch ein Licht auf die Frühzeit der Psychoanalyse.
Eine Veranstaltung der Sigmund Freud Privatstiftung
|