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LACHEN MIT FREUD
Samstag 23. Juni 2007, 10-17 Uhr Sigmund Freud Museum, Lounge Berggasse 19


Worüber wird gelacht? Sigmund Freud ist der Frage nach der Psycho-Logik des Lachens und der Lust am Witz in zwei Arbeiten nachgegangen: Seine Abhandlung "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1905) zählt zu den tragenden Säulen des psychoanalytischen Theoriegebäudes, der spätere Essay "Der Humor"(1927) beleuchtet das Thema noch einmal, diesmal aus der Perspektive des leidenden Subjekts. Die Tagung "Lachen mit Freud", die am 23. Juni 2007 im Sigmund Freud Museum stattfindet, versucht zum einen, Freuds "witzige" Schriften in ihrem historischen Kontext neu zu lesen. Sie fragt nach Freuds Vorbildern in Literatur und Theorie, aber auch nach seinem Bezug zum jüdischen Humor. Zum anderen geht es um eine kritische Bestandsaufnahme: Was ist von Freuds Ideen zu Humor und Witz geblieben? Was trägt seine Theorie zu einer Anthropologie des Lachens und zum Verständnis einer modernen Ästhetik und Poetik des Witzes bei? Und schließlich: Welche Konzepte bieten sich heute als Alternative zu denjenigen Freuds an? Als Vortragende eingeladen sind Psychologen, Philosophen und Literaturwissenschaftler, denen eines gemeinsam ist: Sie nehmen das Lachen ernst.

Programm

BEGRÜSSUNG
10:15 Lydia Marinelli (Wissenschaftliche Leitung, Sigmund Freud Privatstiftung)

EINFÜHRUNG
10:30 Hans-Walter Schmidt-Hannisa
(National University of Ireland, Galway)
Lachen mit und ohne Freud - eine Einführung
Hans-Walter Schmidt-Hannisa lehrte Neuere deutsche Literaturwissenschaft an Universitäten in Bayreuth, Würzburg, Taegu (Südkorea), Cork (Irland und ist seit 2005 Leiter des German Departments an der National University of Ireland, Galway. Zahlreiche Publikationen zur Literatur des 19. und des 20. Jahrhunderts, insbesondere zur Romantik (Jean Paul, Clemens Brentano, E.T.A. Hoffmann). Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Literatur- und Kulturgeschichte des Traums sowie die Geschichte der Psychoanalyse. Übersetzungen von Werke u. a. von J. Baudrillard, J. Derrida, S. Kofman, (u.a. zusammen mit Monika Buchgeister: Die lachenden Dritten. Freud und der Witz. München, Wien 1990), J.-F. Lyotard, P. Virilio.

TAGUNGSREFERENTEN

11:00 Willibald Ruch
(Psychologisches Institut, Universität Zürich)
Witz und Humor: Sigmund Freuds Erbe in der Psychologie
Was ist von Freuds Ideen zu Humor und Witz geblieben? Für Sigmund Freud war die Unterscheidung von Witz, Humor und Komik wichtig. Dem Witz widmete Freud eine Monographie (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, 1905) und den damals üblichen Analysen struktureller Aspekte des Witzes fügte er die Analyse der Tendenz hinzu. Durch Freuds Einfluss wurde fortan der "Witzarbeit" weniger Gewicht beigemessen; sie diente lediglich dazu, die libidinösen Impulse zu verschleiern, so dass sie indirekt doch befriedigt werden können. Viele Psychologen folgten dieser Idee und es gibt eine Reihe von empirischen Studien, in denen "harmlose Witze" den Witzen mit sexuellem und aggressivem Inhalt gegenübergestellt wurden; z.B. um den Zusammenhang zu Persönlichkeit zu untersuchen. Die empirischen Studien zeigen jedoch, dass nicht diejenigen, die libidinöse Impulse unterdrücken, mehr über Witze dieses Themas lachen, als die, die damit unbefangener umgehen. Der Idee, die Analyse des Witzes wie die Traumdeutung als Königsweg für die Entdeckung von Konfliktbereichen zu verwenden, folgten nur wenige Psychoanalytiker (Ausnahme: Zwerling), jedoch wurden Witzetests als objektive Testverfahren vorgeschlagen (z.B. H.-J. Eysenck). Der bekannte amerikanische Persönlichkeitsforscher Raymond Cattell hatte z.B. die Hoffnung, mit Hilfe der Faktorenanalyse (einer mathematisch-statistischen Methode) die verschiedensten Bereiche verdrängter Impulse aufzuspüren, und er entwickelte den IPAT Humor Test of Personality, um auf objektivem Wege Persönlichkeit zu erfassen. Dem Humor widmete Freud 1928 einen Aufsatz (in: International Journal of Psychoanalysis), in welchem er den Humor als einen der reifsten Abwehrmechanismen ansah. Diese Idee ist, wenn auch in ganz anderer theoretischer Einkleidung, inzwischen gut belegt.
Willibald Ruch lehrt Persönlichkeitspsychologie, Positive Psychologie und Diagnostik an der Universität Zürich. Humor, Heiterkeit, Lächeln und Lachen sind Forschungsschwerpunkte seit der Doktorarbeit (1980: Universität Graz; Klassifikation von Witzen und deren Zusammenhänge mit Persönlichkeit). Weitere akademische Stationen: Universität Düsseldorf (hier Habilitation), Humbold Universität Berlin, Frankfurt, UCSF (als Heisenbergstipendiat der DFG bei Paul Ekman) und Queens University Belfast. Prof. Ruch hat ca 50 wissenschaftliche Aufsätze zum Thema veröffentlicht und u.a. 1998 das Buch The sense of humor herausgegeben. Er ist Mitherausgeber der Buchreihe Humor Research Series (Mouton de Gruyter) sowie der Zeitschrift International Journal of Humor Research. 2002 war er Präsident der International Society of Humour Studies (ISHS) und seit 2001 organisiert er die jährlich stattfindende internationale Summer school über Humor und Lachen.

12:00 - 13:00 PAUSE

13:00 Liliane Weissberg
(Christopher H. Browne Distinguished Professor in Arts and Science; deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft, University of Pennsylvania)
Mut und Möglichkeit: Sigmund Freud liest Theodor Lipps
Theodor Lipps Studie zu "Komik und Humor" erschien 1889 und das Buch hatte, so Freud, ihm "den Mut und die Möglichkeit" gegeben, sich mit dem Witz und seine Beziehung zum Unbewussten zu beschäftigen. Welchen Einfluss hatte die Arbeit von Lipps jedoch auf Freuds Werk? Welche Spuren der philosophischen Tradition lassen sich in Freuds Werk erkennen?
Liliane Weissberg ist Christopher H. Browne Distinguished Professor in Arts and Science und Professorin für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania, im Sommersemester 2007 ist sie Kurt-David-Bruehl-Gastprofessorin an der Karl-Franzens-Universität Graz. Zu ihren Buchpublikationen gehören "Geistersprache: philosophischer und literarischer Diskurs im späten achtzehnten Jahrhundert" (1990), "Edgar Allan Poe" (1991), "Weiblichkeit und Maskerade" (1994), "Cultural Memory and the Construction of Identity" (mit Dan Ben-Amos, 1999), "Romancing the Shadow: Poe and Race" (mit J. Gerald Kennedy, 2001) und die kritische Ausgabe von Hannah Arendt, "Rahel Varnhagen: The Life of a Jewess" (1997). Sie ist die Autorin zahlreicher Aufsätze zur deutschen und deutsch-jüdischen Literatur und Kultur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, darunter zu den Werken Sigmund Freuds.

14:00 Ludger Lütkehaus
(Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
Jenseits des Frustprinzips. Lachen mit Freud
Sigmund Freud ist nicht nur der Analytiker des "Witzes und seiner Beziehung zum Unbewussten"; er gilt auch selber als kongenial witziger Autor in der Nachfolge Lichtenbergs und Heines. Der Vortrag von Ludger Lütkehaus überprüft dieses Bild. Er zeichnet Freuds Theorie und Praxis des Witzes nach. Erst in seinem Galgenhumor aber wird Freud zu jenem abgründig witzigen Autor, der dem todbestimmten und zum Triebverzicht genötigten Leben seine heitersten Aspekte abgewinnt: jenseits des Frustprinzips.
Ludger Lütkehaus ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums. 1979 Sonderpreis der Schopenhauer-Gesellschaft. 1996 Preis für Buch und Kultur. 1997 Max Kade Distinguished Visiting Professor, University of Wisconsin-Madison. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur, Philosophie und Psychologie des 18.-20. Jahrhunderts. Derzeit ist er der einzige Honorarprofessor am Deutschen Seminar II.

15:00 - 15:15 PAUSE

15:15 Manfred Geier
(Sprach- und Literaturwissenschaft Universität Hannover)
Was gibt es da zu lachen? Tendenziöser Witz und Galgenhumor bei Sigmund Freud und Billy Wilder
Wann und wie es zum lustvollen Lachen kommen kann, hat Freud besonders in zwei Arbeiten zu analysieren versucht. Beide entstanden in Krisensituationen: Mit "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" (1905) reagierte Freud auf den Vorwurf, dass in seiner "Traumdeutung" (1900) nur schlechte Witze vorkämen und seine Theorie ein Witz wäre. Und mit seinem Essay "Der Humor" (1927) entgegnete er seiner Entdeckung des Todestriebs, der sein Denken und Fühlen zu beherrschen drohte. Wie eine filmische Parallelaktion zu Freuds tendenziöser Witzarbeit und seinem Galgenhumor hat Billy Wilder 1948 seine schwarze, deutsch-amerikanische Polit- und Sex-Komödie "A foreign affair" inszeniert. Was es da zu lachen gibt, kann uns Freud verstehen lassen.
Manfred Geier, geboren 1943, Promotion über Noam Chomskys Sprachtheorie 1973. Habilitation 1981. Viele Jahre Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Hannover. Lebt als wissenschaftlicher Publizist in Hamburg. Zahlreiche Veröffentlichungen, seit 1989 vor allem zur Philosophie. Zuletzt erschienen: "Fake. Leben in künstlichen Welten" (1999); "Die kleinen Dinge der großen Philosophen" (2001); "Kants Welt" (2003); "Martin Heidegger" (2005); "Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors" (2006); "Was konnte Kant, was ich nicht kann? Kinder fragen - Philosophen antworten" (2006).

Eine Veranstaltung der Sigmund Freud Privatstiftung