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DARIO GAMBONI
Witz, Karikatur und "unbewusste Vexierbilder" zur Zeit Freuds

Freitag, 17. November 2006, 18.00 Uhr
Veranstaltungssaal
Sigmund Freud Museum
Berggasse 19, 1090 Wien

In seinem Werk hat sich Sigmund Freud hauptsächlich mit der hohen Kunst auseinandergesetzt und sie als Herausforderung für den Deutungsanspruch der Psychoanalyse betrachtet. Er inspirierte aber auch Psychologen und Psychiater, die eine weit größere Vielfalt von Bildern in verschiedener Weise verwendeten. Der Zürcher Pfarrer Oskar Pfister analysierte 1913 Zeichnungen, die ein Maler für ihn automatisch hinkritzelte, wie eine traumähnliche "Kryptographie". Daraus zog er den Schluss, dass sich in der Kunst generell "unbewusste Vexierbilder" finden lassen, und entdeckte in Leonardos Anna Selbdritt mit Lamm eine Geiergestalt, die Freud in der Neuausgabe seiner Studie "Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci" integrierte. Der Zürcher Psychiater Hermann Rorschach entwickelte aus dem "Deutenlassen von Zufallsformen" den immer noch erfolgreichsten "Projektions"-Test. Zwei Vertreter der "Wiener Schule der Kunstgeschichte", Ernst Kris und Ernst Gombrich, versuchten in den 1930er Jahren, das Wesen der Karikatur und ihre Wirkung mit Hilfe der Psychoanalyse zu verstehen. Die Erforschung der visuellen Mehrdeutigkeit, die Karikaturisten beruflich machten, wurde gleichzeitig von den Künstlern der Avantgarde praktiziert - manchmal waren es sogar dieselben, wie Lyonel Feininger oder Marcel Duchamp. So konnte 1907 ein französischer Karikaturist die Situation eines normalen Ausstellungsbesuchers kommentieren: "Das Schwierige ist nicht, ein Bild zu machen, sondern zu wissen, wie man es anschauen soll!"

Prof. Dr. Dario Gamboni seit 2004 Ordinarius für Kunstgeschichte an der Université de Genève, Kurator zahlreicher Ausstellungen, Publikationen: u.a. Un iconoclasme moderne. Théorie et pratiques contemporaines du vandalisme artistique (Zurich/Lausanne 1983); La plume et le pinceau. Odilon Redon et la littérature (Paris 1989); Zerstörte Kunst, Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert (Köln 1998); Odilon Redon, "Das Faß Amontillado": Der Traum eines Traumes (Frankfurt/Main 1998); Potential Images: Ambiguity and Indeterminacy in Modern Art (London 2002).

Eine Veranstaltung der Sigmund Freud Privatstiftung in Kooperation mit dem IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften